29. 05. 2019   Vierundzwanzig  
       

Seit einigen Jahren ist die Gemeindejagd so aufwändig geworden, dass ich schon mehrmals überlegt habe, sie aufzugeben. "Aufwändig" heißt für mich: Dutzende Male ansitzen, um zu Schuss zu kommen.

Vor zehn, fünfzehn Jahren hatte ich nahezu bei jedem Ansitz Anblick und kam entschieden rascher zu Schuss.

Eine der Ursachen sind Schlägerungen im Revier in der Folge von Käferbefall, Schneedruck und Windriss. Als ich am 5. Dezember des vergangenen Jahres meine Wildfütterung kontrollierte, fiel ich aus allen Wolken: alle Bäume im Umkreis von etwa hundert Metern waren vom Harvester gefällt worden.

Dazu kommt eine immer dichtere Besiedlung des stadtnahen Gemeindegebiets. Immer mehr Jogger, Mountainbiker, Reiter sind im Gelände unterwegs. Zuweilen kracht in der Dämmerung auch das Moped eines Jugendlichen über den Güterweg unterhalb eines Hochstands.

Heute aber trage ich statt eines 24. grünen Strichs einen roten Strich auf dem iPhone ein.

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Um 2235 Uhr schließe ich die Tür der Wildkammer. Den Schlüssel, der eine Abwurfstange als Anhänger hat, lege ich zurück auf den Sicherungskasten und lösche das Licht.

Bei der Eintragung in die Wildfolgeliste habe ich meinem Stück die laufende Nummer 14 zugeordnet. Das heißt:

Zwei Dutzend Jäger haben in 29 Tagen intensiver Bejagung nur 14 Schmalrehe und Jahrlinge erlegt. Geht das so weiter, werden wir den Abschussplan auch heuer kaum erfüllen.

***

2130 Uhr. Es hat genieselt. Der Himmel ist bedeckt. Es dunkelt rascher als bei heiterem Wetter.

Ich glase ein letztes Mal mein Sichtfeld ab. - Nichts. - Ich wische auf dem iPhone nach den Notizen, um den 24. grünen Strich einzutragen. So oft bin ich seit dem 1. Mai angesessen, ohne einen passenden Jahrling oder ein Schmalreh in meinem Revierteil zu sichten.

In diesem Augenblick tritt ein Bock aus und strebt in die Mitte der Wiese, dort, wo das Gras noch nicht gemäht ist. Wieder der junge Sechser ... über Lauscher hoch ... kräftig ... zwei- bis dreijährig? ... oder doch ein Jahrling? Dann ist er "zu gut". Egal. Nicht schussbar.

Der Bock nascht da und dort, zieht aber zügig auf die gegenüber liegende Seite der Wiese. Folgt ihm ein anderes Stück? --- Nein.

Als der Bock hinter der Kuppe verschwindet, will ich die Fenster schließen und abbaumen.

Da trippelt aus den Fichten auf der Fährte des Bocks ein Reh. Zierlich. Ein Schmalreh. Kein Zweifel. Ich greife nach der Büchse und gehe in Zeitlupe in den Anschlag. Das Stück trödelt in nur etwa 40 Meter Entfernung in dieselbe Richtung, in die der Bock gezogen ist.

Endlich steht es breit. - Auf den Schuss zeichnet es und springt ab in den schwarzen Wald. Ich halte einige Minuten inne. Dann schließe ich die Fenster, setze die Stirnlampe auf, schultere die Büchse und steige ab.

Ich muss nicht nachsuchen. Das Stück liegt nur ein paar Meter hinter der Stelle, an der es eingesprungen ist. Es ist 2145 Uhr.

Ich rufe zuhause an. Ich werde heute später als gewohnt kommen. Die zweite Halbzeit des Europa-League-Finales zwischen Chelsea und Arsenal werde ich leider nicht sehen.

 

Horrido!