"Die vierte Kränkung"
nennt Rüdiger Safranski sein Buch über die KI

27. August 2026


Ich kenne nur eine Besprechung des Buches und habe ein Interview mit dem Autor im TV gesehen. Im Unterschied zu seiner Schopenhauer-Biographie, die ich vor Jahren mit Interesse gelesen habe, motivieren mich weder die Botschaft des Titels, noch die Aussagen des Autors dazu, ihm dieses Buch abzukaufen.

Ein Buch nicht zu kaufen, weil einen schon der Titel zurück stößt, bedarf einer ausführlichen Begründung. Also:

Der Titel des neuen Buchs von Safranski bezieht sich auf eine Bemerkung von Sigmund Freud am Ende seiner 18. Vorlesung zur Einführung in die Psychoanalyse. Mit der "Hervorhebung des Unbewußten im Seelenleben" habe die Psychonanalyse die "bösesten Geister der Kritik" aufgerufen. Der "Widerstand gegen uns" sei nicht nur an der Schwierigkeit der Sache gelegen, sondern komme "von tiefer her". Dazu führt Freud aus:

Zwei große Kränkungen ihrer naiven Eigenliebe hat die Menschheit im Laufe der Zeiten von der Wissenschaft erdulden müssen. Die erste, als sie erfuhr, daß unsere Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist, sondern ein winziges Teilchen eines in seiner Größe kaum vorstellbaren Weltsystems... Die zweite dann, als die biologische Forschung das angebliche Schöpfungsvorrecht des Menschen zunichte machte, ihn auf die Abstammung aus dem Tierreich und die Unvertilgbarkeit seiner animalischen Natur verwies... Die dritte und empfindlichste Kränkung aber soll die menschliche Größenensucht durch die heutige psychologische Forschung erfahren, welche dem Ich nachweisen will, daß es nicht einmal Herr im eigenen Haus, sondern auf kärgliche Nachrichten angewiesen bleibt von dem, was unbewußt in seinem Seelenleben vorgeht (1).

Die von Safranski entdeckte "vierte Kränkung" der menschlichen Größensucht soll die Erfahrung der enormen Leistungsfähigkeit der KI im Vergleich zur menschlichen Intelligenz bei der Sichtung und Verarbeitung von Daten sein. Dagegen betont Safranski die Einzigartigkeit des lebendigen Geistes, menschliche Emotionen, Empathie, Selbstreflexion etc.

Weder Kopernikus, Darwin und Freud noch die KI

haben mich je "gekränkt". Wer an Wissenschaft und Forschung interessiert ist, freut sich vielmehr über jede tiefere Einsicht in die Natur und in das eigene Wesen und schätzt die vielfältigen Werkzeug-Erfindungen des menschlichen Geistes. Leuchtet aus der Selbsteinschätzung Freuds als dritter "Kränker" in einer Linie mit Kopernikus und Darwin und aus dem Loblied Safranskis auf den "lebendigen Geist" bei gleichzeitiger Verachtung der KI nicht eher intellektuelle Überheblichkeit als das Gefühl, von diesen und anderen Entdeckungen "gekränkt" zu sein?

Wie immer: Die menschliche Intelligenz steht nicht "im Schatten der KI". Umgekehrt: die KI ist eine Schöpfung des menschlichen Geistes und dient menschlichen Zwecken.

Diese Zwecke freilich sind unterschiedlich: Naturwissenschaft und Technik werden oft genug zur Unterdrückung, Ausbeutung und Ermordung anderer Menschen und zur achtlosen Zerstörung eingesetzt. Den vielfältigen Errungenschaften des menschlichen Geistes stehen die über Jahrtausende erwiesene Unfähigkeit und Unwilligkeit der Menschen entgegen, aus der Erde eine befriedete Wohnstätte für die ganze species zu machen, ohne die Biosphäre des Planeten zu ruinieren.

Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein,
Nur tierischer als jedes Tier zu sein! (2)

Ist das nicht eine wesentlich realitätsnähere Charakterisierung des "lebendigen menschlichen Geistes" und seiner Schöpfungen, als die pathetische Schönfärbung dieses Geistes gegenüber der "instrumentellen Vernunft" der KI? Safranski projiziert die üblen Seiten des "lebendigen menschlichen Geistes" in dessen unbeseeltes Werkzeug.

Nachvollziehbare Sorge

Zwischen der fortschreitenden Technisierung und der konservativen biologischen Grundausstattung des homo sapiens hat u. a. Konrad Lorenz einen schwer auflösbaren Widerspruch gesehen. Ob die Menschen und ihre staatlichen Einrichtungen mit den immer rasanter werdenden Veränderungen zurecht kommen oder ob sie die Kontrolle verlieren und ohne äußere Einwirkung (Meteor / Naturkatastrophen) den Planeten und sich selbst aufgrund ihrer primitiv gebliebenen Antriebe zugrunde richten - das ist offen.

Sicher ist: Wissenschaft und Technik zu stoppen / zu verbieten funktioniert nicht. Die Kirche hat einst versucht, die Gottesfürchtigkeit der Menschen vor säkularen Konsequenzen des heliozentrischen Weltbilds zu bewahren. Vergeblich (3). Ebensowenig wird das selbstgefällige Beschwören des "lebendigen Geistes" die KI aufhalten.

Warum?

Weil der Prozess der technischen Entwicklung sich fortwährend selbst beschleunigt: Jede Innovation schafft neue Herausforderungen und fordert dafür neue Lösungen. Im Fall der KI ist das vor allem ein immenser Energie- und Wasserbedarf und das schwierige Erlernen des „richtigen“ Umgangs mit diesem Instrument. Wird es den Menschen gelingen, die damit verbundenen Probleme zu lösen? Optimisten meinen:

Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind (4)

Legen wir diesen Gedanken um auf die KI, erscheint sie als hervorragendes, endlich verfügbares Instrument, um die komplexen Herausforderungen der modernen Welt besser in den Griff zu bekommen.

Wie soll das geschehen?

Im "liberalen" Westen konkurrieren kostenpflichtige, geschlossene Modelle der KI um Marktanteile. Der Ausbau der erforderlichen Energieanlagen für einen breiten Einsatz von KI bleibt im Hintertreffen und verzögert den Integrationsprozess der KI in den Alltag.

Das "diktatorische" China will die KI möglichst rasch in alle Lebensbereiche integrieren und setzt dazu auf open-source-Lösungen (!). Vorsorglich investiert China enorm in den Ausbau der dafür erforderlichen Energiegewinnung: von traditionellen Kraftwerken über Sonnenenergie bis zu Kernkraftanlagen, vgl. dazu China kann jetzt bis zu 50 Kernkraftwerke gleichzeitig bauen [TELEPOLIS]. China arbeitet aber auch an Regulatorien, die den Missbrauch der anthropomorphen KI verhindern sollen (5).

Erweist die optimistische Erwartung zum weiteren Verlauf der Menschheitsgeschichte sich als realitätsbezogener als die pessimistische - wird China dabei eine maßgeblichere Rolle spielen als der Westen?

Ich bedaure jedenfalls, dass ich Mandarin nicht beherrsche.

Ergänzung, 28. August 2026

Ich vermute: KI wird von Staaten vermutlich sehr effektiv zur Überwachung und letztendlich Unterdrückung der Bevölkerungsmassen eingesetzt werden. China wird hier eine Vorreiterrolle einnehmen und mittelfristig werden alle anderen mitziehen. Demokratie hat ein Ablaufdatum. Die Konzentration von Macht- und Vermögen in den Händen weniger wird sich weltweit durch KI weiter beschleunigen Aber is eh wurscht, kann man sowieso nicht ändern... Ob sich bei diesen gewaltigen gesellschaftlichen Umbrüchen jetzt auch irgendjemand geistig gekränkt fühlt, erscheint mir nicht sonderlich wichtig zu sein

kommentiert nüchtern ein Leser aus der dystopischen Fraktion.

Pessimistische Erwartungen an die Zukunft überwiegen nach meinem Eindruck im Westen. Weltweit scheint dies nicht der Fall zu sein. In der Sendung "Wirtschaft vor acht" wurden vor etwa einer Woche Ergebnisse einer weltweiten Befragung zur KI präsentiert: Tagesschau.

Vor allem die Einstellungen der Deutschen und Chinesen zur KI unterscheiden sich beträchtlich:

Danach scheint klar, wo die technologische Zukunft im Koma liegt und wo sie putzmunter ist. Erwartungshaltungen werden erfahrungsgemäß oft zu self fulfilling prophecies.

Welche sozialen Veränderungen mit der Einführung von KI global oder in unterschiedlichen Regionen der Welt eintreten werden kann aktuell niemand voraussehen. Auch nicht die KI.

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(1) Sigmund Freud, Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Studienausgabe, Bd 1, S. Fischer Verlag, 1969, Seite 283 f

(2) Mephisto zu Gott im Prolog im Himmel, Faust I

(3) Seither versucht die Kirche, mit der Geschichte Schritt zu halten: sie lässt eine christologische Interpretation der Evolution zu (vgl. dazu: Teilhard de Chardin, Der Mensch im Kosmos, Beck, 1965) und gesellt sich zu den merkwürdigsten Modernismen. Schon gesehen: die LGBTQ-Fahne als Altartuch.

(3) Karl Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW, Band 13, Seite 9

(4) vgl. dazu beck online.



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