Kalkulierte Eskalation

02. August 2026

Im Krieg ist es wie im Krieg

Sprichwort (1)



Mit dem Beschuss abtrünniger Provinzler durch das Militär einer Putschregierung hat der Krieg in der Ukraine 2014 begonnen. Nach 8 Jahren fruchtloser Verhandlungen und weiteren 4 Jahren Krieg hat sich dieser Konflikt als umfassende Konfrontation zwischen Russland und dem "Westen" entpuppt (2).

Der Krim-Krieg (1853–1856) gilt als "erster moderner Krieg". Damals noch neue Technologien (Eisenbahn, Dampfschiff, industriell gefertigte Waffen, Telegrafie, Fotografie) wurden erstmals im militärischen Verbund eingesetzt.

Der Krieg in der Ukraine lässt diese "Modernität" alt aussehen: satellitengestützte Aufklärung und Zielansprache, unbemannte, massenhaft eingesetzte Luft- und Geländefahrzeuge (3), Hyperschallraketen, die Tod und Zerstörung aus gesicherter Entfernung bringen. Neue Technologien haben bemannte Flug- und Fahrzeuge deklassiert. Bis zur Aufstellung humanoider Roboter-Armeen kann es nicht mehr lange dauern.

Kein Krieg beschränkt sich auf das Geschehen an der Front. Die wechselseitigen Angriffe im Hinterland haben mit der Drohnen- (4) und Raketentechnologie jüngst jedoch enorm zugenommen. Die Kriegsparteien werfen einander vor, dass es dabei zur massiven Vernichtung von zivilem Eigentum, zur Zerstörung der Infrastruktur und zu zivilen Opfern, also zu Kriegsverbrechen kommt. Im Krieg ist es wie im Krieg. Beiden Seiten geht es darum, die Bevölkerung des Feindes zu zermürben.

Je länger dieser wechselseitige Beschuss anhält, während die russische Armee die Front langsam aber unbeirrt tiefer in die Ukraine drückt, umso größer werden wohl die Schäden in der Ukraine im Vergleich zu den Schäden in Russland werden. Der "Westen" und die Ukraine nehmen das in Kauf in der Hoffnung auf eine Wende zugunsten der Ukraine.

Die meisten Medien im Westen erzählen, der Krieg in der Ukraine sei der einfallsreiche, heldenhafte Abwehrkampf einer edlen Demokratie gegen einen tumben, urbösen Aggressor. David gegen Goliath. Diese Darstellung ist eine Beleidigung des Verstands aller Leute, die das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen seit Jahrzehnten aufmerksam verfolgen.

Der Krieg dauert an, weil der "Westen" Geld, Waffen, Technologie, Sanktionen und immer tiefer gehende "Beratung" in einem nie dagewesenen Ausmaß in ihn investiert. Zu einem offenen Schlagaustausch ist die NATO zur Zeit nicht bereit, aber zur kalkulierten Eskalation. Die Westeuropäer verfügen über zu wenig eigene Atomwaffen (GB, F), um ohne USA offen in den Krieg einzutreten. Bis der "Westen" / bis die EU zur Ansicht kommt, dass die Vorbereitungen zum unmittelbaren Kriegseintritt perfekt sind, dient die Ukraine mit Mann und Maus der Schwächung Russlands. Keine Konzessionen. Der "Westen" und die Ukraine halten an ihrem Maximalziel fest, also auch an der Forderung nach Rückgabe der Krim. Russland hingegen hat seine ursprünglichen Ziele nach und nach erweitert.

Vor 2022 ging es Russland um die Krim, um die Autonomie der Ostukraine und um den Verzicht der Ukraine, der NATO beizutreten. Erst nach dem hartnäckigen "Nein" des "Westens" hat Russland die ostukrainischen Gebiete annektiert. Seit dem gescheiterten Kursk-Abenteuer der Ukraine greifen russische Truppen überdies die ukrainischen Grenzregionen Sumy und Charkow an und besetzen dort eine "Sicherheitszone". Käme es beim gegenwärtigen Frontverlauf wider Erwarten zu neuen Verhandlungen, verfügt Russland über ein größeres Faustpfand als bei den ersten Gesprächen in der Türkei, die die Ukraine auf Empfehlung / auf Druck des Westens abgebrochen hat (5).

Ernsthafte Verhandlungen aber sind nicht zu befürchten, solange die Ukrainer die ihnen zugedachte Rolle akzeptieren.

***

Während der Krieg in der Ukraine anhält, verändern sich die Gesellschaften der beteiligten Staaten hinter dem Rücken der Akteure. Was sich dabei in der eigenen Gesellschaft im Rahmen der EU tut ist leichter wahrzunehmen als anderswo.

Mir fallen besonders ins Auge:

# Die Erosion politischer Kräfte, die seit 1945 die Macht im "Westen" verwaltet haben. Zunächst beobachtbar war das an der Sozialdemokratie (6). Mittlerweile hat dieser Erosions-Prozess aber auch konservative und liberale Parteien erfasst, stellenweise sogar die Grünen. Mit aller Kraft stemmen sie sich gemeinsam gegen aufstrebende "rechte" und "rechtsextreme" Kräfte.

# Die Erosion des Christentums. Je nach Land in Europa besuchen nur mehr drei bis maximal dreißig Prozent der nominellen Christen die Messe am Sonntag. Seit den 50er Jahren ist die Zahl der katholischen Priester in Österreich um über 60 Prozent gesunken, während die Zahl der Katholiken um ca 30 Prozent zurückgegangen ist. Die Bevölkerung aber ist gewachsen, vor allem durch Zuwanderung. Nach der katholischen Kirche sind die Muslime die zweitgrößte Religionsgemeinschaft in Österreich.

# Neue Formen des Zusammenlebens. In den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren über 95 Prozent aller zusammenlebenden Paare in Österreich verheiratet, aktuell sind es 75 bis 80 Prozent.

# Partnerschaften aller Art werden vergleichsweise ausgiebig und mit viel medialer Präsenz gefeiert: Während der internationale Frauentag einmal im Jahr begangen wird wie der Tag der Arbeit, Ostern oder Allerheiligen und der Ramadan 29 bis 30 Tage dauert, findet der Christopher-Street-Day nach dem CSD-Kalender vom 8. Februar bis zum 22. November an 118 Tagen weltweit in Form von Paraden statt, allein in Deutschland an 34 Tagen in über 100 Veranstaltungen.

# Sinkendes Interesse der Gebildeten an Technik und Naturwissenschaften. Laut KI schätzen Bildungshistoriker, dass Mitte der 50er Jahre in Deutschland und Österreich rund 45-60 Prozent der Universitätsabsolventen auf Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften und Mathematik entfielen. Aktuell liegt der Anteil der MINT an allen Masterabschlüssen in Deutschland bei 35 und in Österreich bei 26 Prozent.

Was bedeuten diese und andere Veränderungen längerfristig für Österreich / Deutschland und für das Verhältnis der EU-Staaten zu Russland, zu den USA, zu China, Indien?

Hält der Höhenflug der "Rechten" an werden sie zunehmend Regierungsverantwortung übernehmen. Wie werden sie sich dabei verhalten? Innen-, außen-, technologiepolitisch?

Wie werden Nichtkonfessionelle, Rest-Christen, Muslime, die LGBTQ-Community etc künftig miteinander auskommen? Wie wirken sich die Einstellungs- und Verhaltensänderungen großer Menschengruppen auf das Staatswesen aus?

Wie passt das sinkende Interesse der Gebildeten an Technik zu der bombastischen Ankündigung Mit dem Aktionsplan „KI-Kontinent“ zu Europas Führungsrolle im Bereich der künstlichen Intelligenz (Europäische Kommission)?

Welche Veränderungen unterschätze / übersehe ich?

Mehr Fragen als Antworten.

Ergänzung, 03. August 2026

Wenn ich mir ansehe, wieviel meine Kinder und Enkel (und auch ich) im INTERNET (Soziale Medien) verbringen, dann ist das mit Abstand die größte Veränderung in den letzten 20 Jahren!

schreibt ein Freund und verweist auf die damit verbundenen negativen Phänome: weniger reale soziale Kontakte, Verlegung der Kommunikation in Internet-Blasen (Facebook, Instagram etc).

Wer die Zeit vor dem Bildschirm vor allem nutzt, um manisch zu spielen oder um banale, zuweilen verlogene Messages auszutauschen (geschönte Fotos, erfundene Erlebnisse etc) tut das zu Lasten realer Kontakte und zu Lasten seines Realitätsbezugs.

Der Bildschirm aber ist auch ein Fenster zur Welt. Mit wenigen Anschlägen / mit dem Antippen einiger Links kommt man zu Informationen über Sachverhalte oder zu überraschenden Wahrnehmungen von Sachverhalten, die vom Aufenthaltsort des Fensterguckers ohne Internet nicht zugänglich sind. Das kann selbständiges Denken zu Lasten des betreuten Denkens über Massenmedien befördern.

Manchen politischen Kräften freilich gefällt das nicht. Sie zwängen sich durch Zensur, "Einordnungen" oder Punzierungen ("fake news") dazwischen. Aber auch damit lernt man umzugehen.

Mein Freund meinte, nur eine Minderheit nutze das Netz zur Informationssuche. ChatGTP listet die von den Nutzern verfolgten Zwecke so auf: Soziale Kommunikation 35 - 50 %, Unterhaltung 20 - 35 %, Spiele 10 - 20 %, Shopping 10 - 20 %, Nachrichten / Informationssuche 5 - 15%.

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(1) Mithilfe der KI bin ich dem Ursprung dieses Satzes nachgegangen. Demnach stammt er aus dem Frankreich des 17. Jahrhunderts und wurde in Russland zum Sprichwort, seit Dostojewski und Tolstoj ihren Roman-Figuren das französische Original (À la guerre comme à la guerre) in den Mund gelegt haben. Diese lakonische Tautologie drückt aus, dass im Krieg keine Tat und Untat ausgeschlossen ist.

(2) "Entpuppt" meine ich wörtlich. Angelegt war diese Konfrontation schon im Ei jener Ukraine, die durch Milliarden Dollar zielstrebig befruchtet wurde. Erst nach und nach hat sich aus der Larve des Bürgerkriegs die Puppe der "Spezialoperation" und schließlich die Imago der umfassenden Konfrontation zwischen Russland und dem "Westen" entwickelt.

(3) Laut Angaben des Moskauer Bürgermeisters sind allein im Juli 6.225 unbemannte Fluggeräte auf die Region Moskau zugeflogen.

(4) Bombenbestückte "Drohnen" militärisch eingesetzt hat angeblich erstmals ein österreichischer Artillerieoberleutnant namens Franz von Uchatius bei der Belagerung Venedigs im Jahr 1849. Die österreichische Artillerie konnte nicht alle Stadtteile erreichen. Ballons mit 30 Pfund schweren Bomben mit Zeitzündern wurden mithilfe des Winds von der Adriaseite aus von einem Raddampfer gegen die Stadt gestartet. Die Bomben explodierten allerdings noch über dem Wasser, nur eine Bombe soll die Stadt getroffen haben. Die Idee war perfekt, die Technik noch nicht. Vgl. dazu TELEPOLIS.

(5) Vgl. dazu Wie ein früher Frieden im Ukraine-Krieg scheiterte.

(6) Die Erosion der Sozialdemokratie in Europa hat gewiss nicht nur eine Ursache, ist aber vom Bankrott der Sowjetunion nicht zu trennen. Vgl. dazu etwa Wohin mit der Sozialdemokratie? und SPÖ.



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