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22. Juni 2026
Die EU wäre gerne ein »global player«, der auf dem Spielfeld von Weltwirtschaft und Weltpolitik den großen Jungs den Ball abnimmt
Karin Bischof (2015)
Gemessen am kaufkraftbereinigten Bruttoinlandsprodukt liegt die EU nach China und den USA an dritter Stelle. Nach Einzelstaaten gelistet folgt in der Wirtschaftskraft nach China, USA, Indien, Russland und Japan Deutschland als erstes EU-Land auf dem mittlerweile sechsten Rang (STATISTA).
Statt aufzuschließen, fallen die EU und ihre Staaten technologisch und ökonomisch gegenüber den USA und China zurück (1) und kommen geopolitisch für keine Rolle in der 1. Liga in Frage.
Neben dem technologischen Rückstand der EU hält auch ihr Konflikt mit Russland Europa in der Regionalliga fest:
# Bleibt die rohstoffarme EU von Russland und seinen Ressourcen getrennt, kann kein ökonomisch und politisch mächtiges Europa entstehen.
# Mit der Abspaltung der Ukraine von Russland und der faktischen Ausweitung der NATO bis Kiew haben die USA eine nachhaltige Kluft zwischen der EU und Russland geschaffen.
# An der Zerstörung des geschwächten Russlands zugunsten der EU sind die USA jedoch so wenig interessiert wie China oder Indien: alle drei bevorzugen ein zwischen Russland und der EU gespaltenes Europa, das sein Potential nicht entwickeln und ausschöpfen kann. - Divide et impera.
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Das US-treue EU-Establishment war zunächst ungläubig verwirrt und frustriert über das Bremsen der USA im Krieg gegen Russland. Mittlerweile aber trotzen maßgebliche EU-Politiker diesem Umstand und verfolgen eine Doppelstrategie:
# Im Bewusstsein ihrer technologischen, ökonomischen und militärischen Abhängigkeit umschmeicheln sie die USA weiter bis zur Selbsterniedrigung. Immer noch hegen manche die Hoffnung, die USA zur vollständigen Unterwerfung Russlands zu gewinnen und die Trump-Administration als Episode verbuchen zu können.
# Da Zweifel am Erfolg dieser Strategie berechtigt sind, bereiten sie parallel dazu die EU-Bevölkerung darauf vor, die Auseinandersetzung mit Russland allein zu bestreiten und zu gewinnen (Weiterführung des Kriegs in der Ukraine auch ohne USA, massive Aufrüstung, Ausweitung des atomaren Schirms Frankreichs / Großbritanniens auf andere EU-Staaten).
Warum tut die EU das?
Warum will die EU Russland eine "strategische Niederlage" zufügen?
Warum nimmt sie dafür so hohe Kosten in Kauf?
Warum geht sie dafür so große Risken ein?
Warum lässt die EU Russland nicht links liegen und versucht mit eigenen Mitteln den Aufstieg in die 1. Liga der Weltmächte?
Warum versucht sie nicht, über den Weg der wirtschaftlichen Kooperation zu einem souveränen Europa zu kommen?
Nach meinem Verständnis aus folgenden Gründen:
# Russlands Ressourcen sind für ein Europa in der 1. Liga der global player unersetzlich, solange Öl und Gas durch alternative, wettbewerbsfähige Energien nicht substituierbar sind (2).
# Geradezu hektisch sucht und fördert die EU alternative Energien. Dennoch: abgesehen vom Technologie-Gap (KI) reichen die derzeit verfügbaren Energie-Ressourcen der EU nicht aus, um aus eigener Kraft zu einer wettbewerbsfähigen Weltmacht aufzusteigen. Die überambitionierte Konzentration der EU auf die "Energiewende" und der propagierte, vom Erfolg noch weit entfernte Verzicht auf fossile Energie - nicht einmal auf Energie aus Russland kann die EU bisher verzichten - hat ihre Wettbewerbsfähigkeit vielmehr beeinträchtigt und eine Tendenz zur De-Industrialisierung eingeleitet. Eine souveräne EU muss zumindest auf Sicht über russische Ressourcen verfügen oder weiter von den USA und / oder den Arabern abhängig bleiben.
# Ein friedlicher Zugriff auf russische Ressourcen setzt eine langfristige Kooperation mit Russland auf Augenhöhe voraus. Für eine Eingliederung Russlands in die EU ist dieses Land dem EU-Establishment sowieso zu groß (STATISTA). Deutschland, Frankreich und andere EU-Staaten sind schwerlich bereit, ihren politischen und kulturellen Einfluss auf gemeinsame Institutionen zugunsten eines neuen Mitglieds mit dem Gewicht von nahezu 144 Mio Einwohnern zu verdünnen. Schon die Türkei ist der EU zu bevölkerungsreich und zu fremdartig gewesen. Dazu kommt der Russenhass vor allem in Polen, im Baltikum und in der Ukraine, der von den USA so erfolgreich gehätschelt wurde, statt von der EU unterbunden zu werden.
# Unter diesen Prämissen bleibt für den Zugriff auf Russlands Ressourcen nur die Unterwerfung und die Zerstückelung des Landes in handhabbare Einzelstaaten (Balkanisierung).
# Die "russische Welt" muss dazu von den Rändern her (Ukraine, Moldawien, Georgien, Armenien, Weißrussland) aufgebrochen und von innen mithilfe von Dissidenten und Oligarchen zerstört werden, die sich mit dem Westen verbünden.
# Auf der Propagandaebene ist im "Westen" von polit-ökonomischen Interessen nicht die Rede: Putin, so heißt es, bedrohe die Freiheit und Demokratie der EU, weil er die Sowjetunion wieder herstellen und womöglich bis Lissabon ausdehnen will. In Moskau hingegen meint man im Expansionsstreben der NATO und der EU ein übles historisches Muster zu erkennen (3).
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Die von Russland als existentielle Bedrohung verstandene Osterweiterung der NATO ist bis Kiew vorangekommen. Zu einem hohen Preis sind 80 Prozent der Ukraine aus dem russischen Orbit herausgebrochen worden: Hundertausende Tote, massive Zerstörungen, enorme Kosten, Bevölkerungsschwund in der Ukraine, Hass für Generationen und anhaltender ökonomischer Niedergang in der EU, vor allem in Deutschland. Den USA genügt dieses Resultat vorderhand (4). Die EU macht demonstrativ weiter: Moldawien steht an der Schwelle zur EU, Armenien ist auf einem "guten Weg". Probleme machen Georgien und Weißrussland.
Russland selbst scheint noch nicht geschwächt und zerrissen genug, um zu kapitulieren und balkanisiert zu werden. Die symbolträchtig vermarkteten Anschläge, die die Ukraine in Russland verübt, verändern die Lage an der Front nicht zugunsten der Ukraine, aber stärken die Hardliner in Moskau (Medwedew, Karaganow). Um die Empörung im Westen nicht erkalten zu lassen und die NATO tiefer in den Krieg zu ziehen nimmt das ukrainische Regime die härter werdenden Gegenschläge Russlands verbissen in Kauf. Beide Seiten versichern ihren Bürgern, dass der andere vor dem Zusammenbruch steht.
Tag für Tag bekunden EU-Politiker, der Ukraine bis zum Endsieg beizustehen. Ein offener Kriegsausbruch zwischen der EU und Russland in drei bis vier Jahren sei unausweichlich, raunen einige. Schon "heute Nacht" sei er bereit, im "Verteidigungsfall" die Kola-Halbinsel, Kaliningrad, die Region um St. Petersburg sowie das Schwarze Meer mit der dort stationierten russischen Flotte angzureifen, äußert der deutsche Luftwaffenchef (TELEPOLIS) in allzu vertrauter Forschheit.
Ist das alles nur Gerede? Oder hat die EU tatsächlich vor, Russland auf eigene Faust zu unterwerfen? Geht sie aus diesem Krieg als siegreicher global player hervor, der den großen Jungs in den USA und in China den Ball abnimmt? Oder hinterlässt sie den nächsten Generationen ein verwüstetes Europa?
Ich neige dazu, die Bekundungen der EU-Politiker und die markigen Ansagen ihrer Generäle ernst zu nehmen. Ob und worüber die EU mit Russland verhandeln will und wer diese Verhandlungen führen soll - diese Frage zu klären schien vor ein paar Wochen dringlich, wurde aber von der Tagesordnung genommen. Auf die Absicht, eine friedliche Lösung des Konflikts anzustreben deutet das nicht hin.
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(1) Entscheidend dafür ist die Technologieführerschaft. In diesem Feld ist die EU bereits abgeschlagen. Allein im Ingenieurswesen laufen China und Indien nicht nur den USA davon (Grafik "Absolute Zahlen der Absolventen in MINT-Fächern" erstellt von Bruno Lindorfer):

(2) Der "Rest der Welt" hat einen bemerkenswert hohen Anteil an fossilen Energien. Es handelt sich dabei um die Summe der Produktion Dutzender Staaten, von denen aber kein einzelner eine geopolitisch bedeutsame Rolle spielt (KI-unterstützte Grafik):

(3) Putin wird in diesem Zusammenhang meist falsch ("größte Katastrophe") und ohne seine Absage zur Restauration der SU zitiert: Am 25. 4. 2005 erklärt Putin vor der Versammlung der russischen Föderation: Vor allem sollten wir anerkennen, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion eine große geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts war. Und für die russische Nation wurde es zu einem echten Drama. Zehnmillionen unserer Mitbürger und Landsleute fanden sich außerhalb des russischen Territoriums wieder. Zudem hat der Zerfall Russland selber infiziert. In einer Fernsehsendung formuliert Putin 2010: Wer den Zusammenbruch der Sowjetunion nicht bedauert, hat kein Herz. Wer sie in ihrer alten Form wiederherstellen will, hat keinen Verstand. - In Russland prägen die wiederholten Vorstöße / Eroberungs- / Vernichtungsversuche aus dem Westen - vom Deutschen Orden an (1242) über Napoleon (1812) und Hitler (1941) - die Wahrnehmung der NATO-Expansion nach Osten.
(4) An der Eindämmung und am Würgen Russlands ("Sanktionen") halten auch die USA fest. Als Mittel zur indirekten Eindämmung der EU aber und zur Stärkung der US-Abhängigkeit der Union scheinen die USA die Existenz Russlands nicht ernstlich zu bedrohen.
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