Intermezzo

09. April 2026


Waffenstillstand ist die Unterbrechung von Kriegshandlungen. Oder auch nicht. Israel stellt seine "Sicherheitsoperation" im Libanon jedenfalls nicht ein.

Selbst im Schatten des vorläufigen Scheiterns der USA bei der Unterwerfung des Irans treibt Israel seine Expansion unbeirrt voran. Erfahrungsgemäß zieht Israel sich aus "Sicherheitszonen" nicht zurück. Israel bleibt und annektiert solche Gebiete de facto: Golan, Westjordanland. Nun in Gaza, in Syrien und im Libanon. Für Israel kommt der Waffenstillstand der USA mit dem Iran ungelegen [ISRAEL HAYOM].

Für die USA ist es komplizierter.

Den zugänglichen Quellen folgend sympathisiert die Bevölkerung der USA mittlerweile mehrheitlich mit den Palästinensern [GALLUP] und lehnt den Krieg gegen den Iran überwiegend ab [Pew Research Center].

Dennoch hat die Trump-Administration diesen Krieg vom Zaun gebrochen. Hinsichtlich Handlungsbedarf und Erfolgsaussichten hat Trump Israel erneut (1) mehr vertraut als den eigenen Geheimdiensten : Tulsi Gabbard declines to say if Iran posed ‘imminent threat’ to the U.S.. War der Mossad, dem die Medien im Westen bei jeder Aktion ehrfürchtig Hochachtung zollen, diesmal schlecht informiert oder wurde Trump übertölpelt?

Egal. Die Interessen des mächtigen militärisch-industriellen Komplexes und der einflussreichen Israel-Lobby in den USA liegen jedenfalls im offenen Widerspruch zu den Interessen der meisten US-Bürger. Dass Regierungen sich darüber hinwegsetzen ist weder überraschend noch neu: das war in den USA schon zuzeiten des Vietnam-Kriegs der Fall wie auch in Deutschland zu Beginn des Krieges in der Ukraine. Je schärfer dieser Widerspruch, umso wichtiger wird die Gehirnwäsche durch die Medien: die Interessen des Feindes müssen deligitimiert, seine Exponenten entmenschlicht werden.

Trump hat dies im Fall des Irans bis zum Äußersten getrieben (Bastarde, Hölle, Steinzeit etc). Die veröffentlichte Meinung im "Westen" ist anfangs zackig mitgegangen ("völkerrechtlich nicht abschließend geklärt, aber abgrundtief böses Regime"). Nach der medial bewunderten Ermordung der iranischen Führungsriege durch Israel hat die ORF-Korrespondentin in Istanbul begeistert berichtet, dass Iranerinnen voll Freude über die Bomben auf den Straßen Teherans getanzt hätten.

Sechs Wochen später hingegen bewegen Politiker und Publizisten sich zwischen betretenem Schweigen und scharfer Kritik - natürlich nicht Kritik am Krieg selbst, sondern an der "unklaren Strategie" (2) Trumps und seiner unflätigen Wortwahl. Da Trump sich an die Spitze dieses Kriegs hat drängen lassen (3), geschieht ihm dabei nicht Unrecht. Die Kriegstreiber in den USA und Israel ducken sich unbehelligt hinter ihrem Sündenbock. Ihre Ziele haben sich nicht geändert:

"Was Trumps Ziel ist, weiß ich nicht", sagt der Exberater Trumps. Er (Bolton) ist für Waffenlieferungen an die Opposition im Iran und für "Ausdauer und Geduld" in der Kriegsführung: "Ich glaube, wenn das Regime fortbesteht, wären die Folgen weitaus schlimmer als die Turbulenzen, die wir derzeit durchmachen." [DER STANDARD].

Wäre es den USA gelungen, den Iran innerhalb weniger Tage zur Kapitulation zu zwingen, den angestrebten Regime-Change mithilfe des famosen Schah-Sohnes umzusetzen und die geknechteten Iraner zu befreien - wie begeistert wären die Leitartikler gewesen! Selbst unter Trump erweisen die USA sich als unersetzbare, entschlossene Verteidiger von Freiheit und Demokratie in der Welt - so oder so ähnlich hätten sie getextet.

Die Selbstschädigung des "Westens" durch diesen Krieg aber ist unübersehbar geworden, die innenpolitische Lage für Trump bedrohlich. Er hat daher die Notbremse gezogen und lügt sie zu einem Sieg um. Zugleich besänftigt er den militärisch-industriellen Komplex mit seiner Forderung nach einem Rekordbudget 2027 für das "Department of War" von sagenhaften 1,5 Trillionen Dollar [The National Guard Association of the United States]. Für die nächste Runde in der permanenten Kriegsführung der USA ist also gesorgt: Since Its Birth The USA Has Only Had 17 Years of Peace [WAR HISTORY ONLINE].

Kommt Trump mit dieser Doppelstrategie durch die selbst erzeugten Turbulenzen? Wer weiß! Die USA sind das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ungefährlicher für den Rest der Welt werden sie kaum, egal, wer im Oval Office hockt.

Und die EU? Zaungast einer desaströsen Weltpolitik.

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(1) Tulsi Gabbard to U.S. Senate Intelligence Committee, March 25, 2025: "The IC U.S. Intelligence Community continues to assess that Iran is not building a nuclear weapon, and Supreme Leader Khamenei has not authorized the nuclear weapons program that he suspended in 2003." [C-Span].

(2) Das ist natürlich Humbug. Das Ziel der USA war klar: Unterwerfung des Irans. Die dazu gewählte Strategie "Sturz des Regimes im Handumdrehen" war auch klar, ist aber an Annahmen gescheitert, die sich als realitätsfern erwiesen haben. Geben die USA das Ziel deshalb auf? Soweit beobachtbar: Nein. Sie verfolgen es weiter: politisch, ökonomisch und notfalls gewiss erneut militärisch.

(3 Beim Überfall Israels auf den Iran im Juni 2025 haben die USA erst am 10. Tag eingegriffen. Nach einmaligen Luftschlägen hat Trump zum Ärger Israels Waffenruhe verordnet und den Sieg verkündet. Damals scheint er seinem Wahlversprechen und seinem Instinkt gefolgt zu sein, wonach ein längerer Krieg den USA erfahrungsgemäß mehr Schaden als Nutzen bringt. Diesmal hat er sich fälschlicher Weise von der Möglichkeit eines schnellen Sieges überzeugen lassen. Um es mit Talleyrand zu sagen: Es war schlimmer als ein Verbrechen. Es war eine Dummheit.



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