Um 180 Grad?

15. März 2026

Fragt nicht, was Biden für euch machen kann,
sondern fragt, was ihr für Biden machen könnt

Wolfgang Ischinger (2021)

Kauft nicht bei Amazon!

OON (2026)


Die peinlich unterwürfige Verballhornung eines berühmten Kennedy-Zitats durch den Vorsitzenden der Münchner Sicherheitskonferenz 2021 kontrastiert mit dem aktuellen Aufruf einer Tageszeitung zum Boykott von US-Diensten. An der Formulierung dieses Aufrufs haben vermutlich nur historisch Unbedarfte nichts auszusetzen.

Das Verhältnis der EU zu den USA ist zerrüttet. Seit die EU von einem Nutznießer des US-Imperialismus zu einem seiner Opfer geworden ist (Zölle, Grönland) rufen Politiker und Publizisten "Europa" auf (gemeint ist damit immer nur die EU), endlich selbständig zu werden: ökonomisch, politisch, militärisch.

Ich finde diese Intention erfreulich.

In meinem persönlichen Verhältnis zu den USA habe ich seit den frühen 60er Jahren gelernt zu unterscheiden zwischen dem, was ich auch heute noch an den USA schätze und dem, was mir als Europäer missfällt. Seit ich politisch denken kann war ich "Gaullist" und kein "Atlantiker". Der aktuelle Frust europäischer Atlantiker über die Politik der USA kommt mir daher reichlich verspätet und geradezu komisch vor - eine Enttäuschung, die aus Ratlosigkeit in aggressive Ablehnung umschlägt (1).

Eine Wende der EU im Verhältnis zu den USA um 180 Grad aber ist weder realistisch noch im Interesse der EU.

Im Unterschied zu Russland, China und sogar dem Iran ist die EU nicht fähig, den USA die Grenzen ihrer Macht aufzuzeigen und sich von heute auf morgen technologisch (IT), ökonomisch (Öl, Gas) und militärisch (NATO) auf eigene Füße zu stellen.

Es ist aber im Interesse der EU, dass Russland, China und der Iran das tun. Es erweitert den ökonomischen und geopolitischen Spielraum der EU und begünstigt ihre Emanzipation von den USA, wenn die EU die Gelegenheiten dazu ergreift:

# eigenständige Verhandlungen mit Russland zu einer Beendigung des Krieges in der Ukraine aufnehmen und dabei realitätsorientierte Positionen beziehen >>> ein friedliches Verhältnis zu Russland kann zur Senkung der Energiekosten und zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der EU-Industrie beitragen und den energiepolitischen Transformationsprozess erleichtern

# sich vom Krieg der USA und Israels gegen den Iran distanzieren und für eine friedliche Lösung unter Vermittlung der UNO eintreten >>> die EU wird weltweit als eigenständiger, besonnen agierender geopolitischer Akteur wahrgenommen

# Handelsvereinbarungen mit allen BRICS-Ländern anstreben >>> verringert die einseitige ökonomische Abhängigkeit der EU von den USA und setzt den Prozess friedfertiger Globalisierung fort

# den USA jedoch weiter Bereitschaft zu einem kooperativen Verhältnis zeigen >> unverzichtbar im Interesse friedlicher Beziehungen.

Das meiste davon wird die USA nicht freuen. Auf friedliche Art aber können sie nichts dagegen tun.

Spanien (Verurteilung des Iran-Kriegs), Belgien (Forderung nach Aufnahme von Verhandlungen mit Russland), Schweiz (keine Überflugsberechtigung für US-Maschinen im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg) (2) sind einzelne mutige Stimmen der Emanzipation. Hört man aber zum Beispiel dem deutschen Kanzler zu, was er zu Russland und zum Nahen Osten anhaltend daher schnarrt schwindet jede Zuversicht (5).

P.S. Was mich betrifft: ich bin seit einem Vierteljahrhundert zufriedener Kunde von Amazon und kaufe sehr gern dort ein. Anfangs Bücher, längst aber sehr viele unterschiedliche Produkte mit Ausnahme von Bekleidung und Schuhen. Ich habe nicht im geringsten vor, diese Praxis aufzugeben, solange es keine bessere Plattform (Angebot, Verlässlichkeit, Geschwindigkeit...) auf dem Markt gibt. Ich hab auch schon bei Temu eingekauft. Da ich mit Gas heize wär´ mir preisgünstiges Pipelinegas aus Russland lieber als LNG, das über den Atlantik geschippert wird.

Im Unterschied zu Heuchlern, die vom Freihandel nur faseln, bin ich auch praktisch dafür.

Ergänzende Anmerkung (16. März 2026)

Du hast doch Verständnis für Trump aufgebracht. Nun gehst du auf Distanz? Was hat sich für dich geändert?

fragt ein Freund ironisch.

Das stimmt.

Anfangs hatte ich den Eindruck, dass Trump sich jenem Teil seiner Wähler verpflichtet fühlt, die der teuren, erfolglosen Kriege der USA überdrüssig sind. Driving to the Poorhouse in a Gold-Plated Tank - mit dieser Metapher hat Mike Lofgren die Auswirkungen der war-fare-Strategie des militärisch industriellen Komplexes der USA illustriert.

Trumps Versuch, den Krieg in der Ukraine zu beenden habe ich aus der Interessenlage eines "Großeuropäers" positiv beurteilt.

Trumps Zollpolitik habe ich eingeordnet als brachialen, quasi-merkantilistischen Versuch, Investoren anzuziehen und ausgelagerte, strategisch wichtige Produktionen zurück in die USA zu holen. Die Motive sind aus US-Sicht verständlich. Die Methode hingegen ist offenbar aus der Zeit gefallen.

Mit dem rüde formulierten Anspruch auf preeminence in der westlichen Hemisphäre, dem Überfall auf Venezuela, mit der Blockade Kubas und schließlich mit dem Angriff auf den Iran bewegt Trump sich in der vertrauten Logik des US-Imperialismus. Dass er dabei weniger heuchelt als seine Vorgänger ("Department of War") macht für die Opfer keinen Unterschied.

Trumps Performance in seiner zweiten Amtszeit bestätigt leider meine ursprüngliche Skepsis vom 11. 10. 2016 (Donald oder Hillary?):

Trump hingegen scheint einer kleineren Fraktion der US-Oligarchie anzugehören, denen die Welt-Polizisten-Rolle der USA weniger wichtig ist. Darin sehen die Bellizisten und Transatlantiker eine Gefahr für ihre Positionen. Vermutlich sind ihre Befürchtungen aber gegenstandslos. Die Außen- und Militärpolitik der USA würde sich auch bei einem Präsidenten Trump kaum ändern: die Interessengruppen, die sie bestimmen, sind nach aller bisherigen Erfahrung mächtiger als die jeweilige Person des Präsidenten.

An der Vermutung, dass die USA mit der Fortsetzung dieser Politik sich geo- und innenpolitisch nicht stärken sondern schwächen werden halte ich fest (3).

Die Kriege der USA von Vietnam bis Afghanistan etc erinnern an Rückzugsgefechte (4) der ehemaligen imperialistischen Mächte Europas (Portugal, Spanien, die Niederlande, Frankreich, England). Die USA führen Krieg nur auf erhöhter Stufenleiter: mehr Waffen, mehr Zerstörung.

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(1) Das andere Extrem bilden rabiate Atlantiker, die den USA kritiklos die Stange halten. In Deutschland tut sich dabei das Magazin NIUS hervor.

(2) Bisher ist öffentlich nicht bekannt, wie Österreich sich in diesem Fall verhält.

(3) 17. 3. 2026: Der Chef des Nationalen Zentrums für Terrorismusbekämpfung der USA, Joseph Kent, ist mit einer interessanten Begründung zurückgetreten: I cannot in good conscience support the ongoing war in Iran. Iran posed no imminent threat to our nation, and it is clear that we started this war due to pressure from Israel and its powerful American lobby [X].

(4) Von einem Zufluchtsort hat Israel sich zur Speerspitze des US-Imperialismus im Nahen Osten entwickelt. Atomar bewaffnet und hochgerüstet "verteidigt" Israel sich seit Jahrzehnten durch devastierende Rundumschläge und zähe Expansion. So banal die Ziele, so bizarr die ideologische Rechtfertigung. USA: Trump von Jesus gesalbt. Israel: The West Bank is part of Israel by divine promise. Wie lange das gut geht weiß zur Zeit niemand. Gaza ist flachgebombt - die Hamas gibt es immer noch. Der Libanon wird gerade wieder verwüstet - die Hisbollah wird es weiter geben. Auslöschung auf regionaler Ebene funktioniert nicht (mehr). Es leben rund zwei Milliarden Moslems auf der Welt.

(5) 27. März 2026: Es war nicht schwer zu prognostizieren. Am Ende des Tages stehe man Seite an Seite mit den USA und Israel, „weil wir ein gemeinsames Interesse haben, dass keine Gefahr mehr vom Iran ausgeht“, so Wadephul [ORF ONLINE]



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