"A foolish idea"

15. Februar 2026

... a world without borders where everyone became a citizen of the world. This was a foolish idea that ignored both human nature and it ignored the lessons of over 5,000 years of recorded human history

Marco Rubio


Seit Trumps Ankündigung, Grönland in den Staatsverband der USA übernehmen zu wollen, ist in der EU vermehrt von "Souveränität" die Rede. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz haben Merz und Macron sich düster, depressiv und trotzig über Veränderungen in der Welt geäußert, die die Staaten der EU zur "Unabhängigkeit" geradezu zwingen - ohne überzeugende Vision, wie sie das anstellen wollen.

Dazu völlig konträr die Rede des amerikanischen Außenministers:

Kein Bedauern über die Schwäche der so-called global order, entschlossen, die vital interests of our people and our nations darüber zu stellen und die EU einladend, als part of one civilization - Western civilization dabei mitzumachen (die Rede im Original und in deutscher Übersetzung).

Rubio warf der UNO Versagen bei der Lösung von Konflikten vor, lobte und rechtfertigte das Vorgehen der USA in Gaza, im Iran, in Venezuela und konstatierte: In a perfect world, all of these problems and more would be solved by diplomats and strongly worded resolutions. But we do not live in a perfect world, and we cannot continue to allow those who blatantly and openly threaten our citizens and endanger our global stability to shield themselves behind abstractions of international law which they themselves routinely violate. This is the path that President Trump and the United States has embarked upon. It is the path we ask you here in Europe to join us on. It is a path we have walked together before and hope to walk together again. For five centuries, before the end of the Second World War, the West had been expanding – its missionaries, its pilgrims, its soldiers, its explorers pouring out from its shores to cross oceans, settle new continents, build vast empires extending out across the globe.

Rubio wies depressive Gedanken von sich und lud die EU-Staaten zum gemeinsamen Aufbruch in eine neue Zukunft ein: many came to believe that the West’s age of dominance had come to an end and that our future was destined to be a faint and feeble echo of our past. But together, our predecessors recognized that decline was a choice, and it was a choice they refused to make. This is what we did together once before, and this is what President Trump and the United States want to do again now, together with you.

Eindringlich, auch anhand der eigenen Familiengeschichte entwarf Rubio dazu ein monumentales Gemälde der gemeinsamen christlichen Zivilisation, hob europäische Errungenschaften hervor - die Herrschaft des Rechts, die Universitäten, die wissenschaftliche Revolution, schlug einen Bogen von Dante, Michelangelo, Shakespeare und Mozart bis zu den Rolling Stones. Dazwischen brauste immer wieder Applaus auf, nicht zuletzt beim Satz: our home may be in the Western Hemisphere, but we will always be a child of Europe.

Rubio hat die Herzen der EU-Teilnehmer mit einer rhetorisch brillanten Rede berührt. Sie dankten mit standing ovations (1) und Frau Kallas äußerte enthusiasmiert: Es gab definitiv einen Seufzer der Erleichterung im Raum... Es war gut, das zu hören. Und die Bestätigung zu haben, dass die transatlantischen Bindungen da sind [TAGESSCHAU].

Mir stellen sich nach dieser Rede zwei Fragen:

# Wie steht es mit der "Unabhängigkeit" der EU?

# Wie töricht ist die Idee EINER Menschheit?

Die Ambition der EU zur "Unabhängigkeit" von den USA in Ehren: die alternativen Optionen zur Unterordnung der EU in einer Allianz mit den USA sind mühsam (Energie, Rohstoffe, IT/AI, eigenständige Handelsverträge mit anderen Playern) oder nicht gewollt (Kooperation mit Russland). Meine Vermutung auf Sicht: viel Gerede, manche Anstrengung, wenig Unabhängigkeit.

Die zweite Frage ist elementarer.

Fukuyamas These vom "Ende der Geschichte" war mir seit je fremd. Wie konnte jemand ernsthaft annehmen, dass nach dem Bankrott der Sowjetunion die ganze Welt am westlichen Wesen genesen werde? Das war zweifellos eine törichte Idee. Ist die Möglichkeit des Weltbürgertums aber generell eine Illusion?

Huntingtons "The Clash of Civilizations" (1996) skizzierte etwa zur gleichen Zeit wie Fukuyama ein ganz anderes Bild der Welt. Ein Bild, an dem die Trumpisten sich eher orientieren, ohne mit Huntigtons Prognose (sinkende Bedeutung des Westens in einer multipolaren Welt) einverstanden zu sein. Huntington ist ein umstrittener Autor, etwa wie Machiavelli, Spengler, Schmitt. Ein Hauptvorwurf, der gegen diese Autoren erhoben wird, ist Zynismus. Ich halte diese Autoren für Realisten.

Ohne methodischen Zynismus freilich ist Politik meist nicht zu verstehen. Praktischer Zynismus hingegen führt zu Gewalt. Erfolgreiche Realpolitik balanciert auf Messers Schneide über Zynismus auf der einen und Illusion auf der anderen Seite.

Die programmatische Missachtung und Verachtung von Diplomatie und internationalen Organisationen, die Trump unverhüllt betreibt und Rubio in seiner Rede rechtfertigt (2), führt zwangsläufig in die Gewalt. So ineffizient und schwach Vermittlungs- und Verständigungsbemühungen zwischen Konfliktparteien oft sind: es ist ein maßgeblicher Unterschied, sie zu kritisieren - das kann zu Verbesserungen führen - oder sie als Larifari abzulehnen. Damit stellt man die eigenen Interessen, die eigene Nation, Religion... über statt neben alle anderen.

Es besteht nicht der geringste Zweifel, wie Rubio zu Recht betont, dass die rund 5000 Jahre nachvollziehbarer Geschichte kein Weltbürgertum kennen. Bis auf den heutigen Tag konkurrieren Gruppen und Staaten um Macht, Ressourcen und Reichtum immer wieder mit Gewalt, Krieg und Völkermord, so, als gehörten sie unterschiedlichen Tier-Arten an.

Wer die Qualität von Politik vom Standpunkt eines konsequenten "Weltbürgers" beurteilt, fällt auch heute noch im eigenen Umfeld nicht selten aus der Reihe. Er wird belächelt, ignoriert, geächtet oder verfolgt, wenn er nicht loyal genug gegenüber dem mindset seines Umfelds erscheint, das als das einzig wahre gilt.

Das kommt: Die Idee EINER Menschheit ist kaum älter als 2000 Jahre. Sie erscheint im Stoizismus, im Christentum, in der Aufklärung und im Sozialismus - einflussreiche, aber nicht dominierende Strömungen in der Geschichte.

Auch in den letzten 2000 Jahren war die Idee der Gleichheit aller Menschen (vor Gott / vor dem Gesetz / in der Teilhabe an der Vernunft / am Wohlstand) immer wieder verträglich mit Sklavenhaltung, Raubkriegen, Klassenkampf und Völkermord. Warum? Im Vergleich zu unmittelbar erfahrbaren Loyalitäten und Interessen (Familie, Clan, Klasse, Nation, Religion...) ist die Idee des Weltbürgertums und eines gewaltfreien Umgangs der Menschen untereinander ziemlich abstrakt.

Die Kraft dieser Idee kann durch dichtere, wechselseitige Abhängigkeiten und vermittelnde Instanzen zunehmen. Ein indirekter Beleg für ihre wachsend Kraft ist, dass sie häufiger als früher für Heuchelei herhalten muss: die Guten zum Beispiel "verteidigen" sich heutzutage immer, nur die Bösen greifen an. Wie man an der US-Strategie sieht, ist das Erstarken der Idee EINER Menschheit beileibe kein Automatismus. Die Trumpisten haben ihr Verteidigungsministerieum ehrlicher Weise wieder in "Kriegsministerium" umbenannt.

Mit ausdrücklichem Bezug zur Expansion Europas ab dem 15. Jahrhundert in Form des Kolonialismus und des Imperialismus sagte Rubio: It is a path we have walked together before and hope to walk together again. - Die Re-Kolonisierung Lateinamerikas durch die USA ist offenbar die erste geplante Teilstrecke dieses Wegs.

Die neue Welt der Trumpisten ist die ganz alte.

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(1) Damit applaudierten die EU-Politiker auch Rubios Angriff auf den climate cult und seine Forderung nach Beendigung der wave of mass migration. - Für so eine Rede würde in Deutschland normalerweise der Verfassungsschutz aktiv werden. Aber weil Rubio in so poetisch-schmelzigen Worten sprach, applaudierten anschließend Linke wie Boris Pistorius (für mehr deutschen Stolz), Carsten Schneider (für mehr Kohle und Öl) und Jo Wadephul (für mehr westliche Dominanz im „globalen Süden“ und gegen den „überstrapazierten Begriff der regelbasierten Ordnung“) ätzt dazu Julian Reichelt.

(2) Unverhohlene Gewalt wenden die Trumpisten ganz klassisch an gegen Gegner und Konkurrenten, die unterlegen sind oder die sie für unterlegen halten wie Venezuela, Kuba und ganz Lateinamerika. Bei Alliierten und wehrhaften Konkurrenten setzen sie auf ökonomischen Druck (Zölle) und Sanktionen (Russland, China, Nordkorea, Iran...). Von Diplomatie machen sie nur Gebrauch, um die eine oder andere Front vorläufig ruhig zu stellen und ihre Kraft auf anderweitige Aktionen zu konzentrieren.



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