Neue Weltordnung?

06. Jänner 2026

Denn was jeder einzelne will, wird von jedem anderen verhindert, und was herauskommt, ist etwas, das keiner gewollt hat. So verläuft die bisherige Geschichte nach Art eines Naturprozesses und ist auch wesentlich denselben Bewegungsgesetzen unterworfen

Friedrich Engels


Wir sind nun in der Realität einer neuen Weltordnung angekommen, in der sich immer mehr die Willkür des Stärkeren durchsetzt. Nur gemeinsam, als starkes Europa, können wir uns behaupten

meint der Bundespräsident zu den jüngsten Ereignissen. Vor einigen Tagen hat er schon formuliert:

Man will uns von außen teilen, um wirtschaftlich und politisch über uns zu herrschen

wobei es ihm gelingt, das böse Subjekt, das "uns" teilen will, nicht in den Mund zu nehmen. Er hält die Staaten der EU für ein

Vorbild für alle Staaten der Erde

und fordert

Wir müssen alles tun, um unabhängiger von der Willkür fremder Regierungen zu werden. Unabhängig in der Energieversorgung, unabhängig in der digitalen Welt. Souverän auch in unserer Verteidigungsfähigkeit.

Angesichts solcher Stimmen in der EU - der HBP ist ja nicht der einzige EU-Politiker oder EU-Publizist, der von der Trump-Administration in den Grundfesten seiner US-Hörigkeit erschüttert wird - frage ich mich:

Was genau ist "neu" in der Weltordnung?

# Fängt der Imperialismus der USA etwa erst mit Trump an?

# Waren die bisherigen Kriege der USA / NATO seit 1945 "rechtmäßiger" als das Kidnapping des venezulanischen Präsidenten?

# Ist nicht vor allem die Sichtweise der EU-Europäer neu?

Warum?

Weil die EU-Staaten als bisherige Nutznießer des US-Imperialismus sich plötzlich wie andere Staaten zuvor in der Rolle des Opfers vorfinden.

Solange die USA in Vientam, in Jugoslawien, in Afghanistan, im Irak, in Libyen, in Syrien, im Iran ... im Dienst ihrer Interessen "interveniert" haben, haben EU-Politiker und EU-Publizisten diese Interventionen meist begrüßt und oft tatkräftig unterstützt.

Nun aber zeigt sich: Die USA verfolgen ihre Interessen ohne Rücksicht auf die EU (Zölle) und wollen auf Kosten der Mitbewohner "ihrer" Hemisphäre sogar expandieren: Kanada, Grönland. Die Unterwerfung Lateinamerikas durch die USA hingegen ist / wäre für die meisten EU-Politiker und EU-Publizisten kein Problem. Sie könnten davon profitieren, wie sie auch von der strategischen Niederlage Russlands gehofft haben zu profitieren.

Aus der Sicht der Trumpisten aber verkauft Russland seine Haut zu teuer. Sehr viel teurer jedenfalls, als dies Venezuela, Kolumbien, Kuba, Mexico... möglich ist. Billiger als Russland sind vermutlich auch Kanada und Grönland zu haben.

Also ist gar nichts neu in der Welt? Doch, doch. Neu in der politischen Realität nach 1945 ist jedenfalls der enorme Wiederaufstieg Chinas, das Wiedererstarken Russlands und das ökonomische Erstarken von Regionen in der Welt, die Europäer dies- und jenseits des Atlantiks über Jahrhunderte als inferiore Beute angesehen und behandelt haben. Wird mit Blick auf diese Veränderungen die aggressive Konzentration der USA auf die "eigene" Hemisphäre nicht verständlicher?

Fakt ist: Alte (imperialistische oder nationale) und neue gepolitische Konzepte (BRICS) stehen einander verwirrt (1) und unvereinbar gegenüber. Wie dieser Konflikt sich entwickelt, mit wieviel Gewalt er ausgetragen wird und wie er ausgeht - wer kann das heute schon sagen?

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(1) Die Positionen zu imperialistischen, nationalistischen oder universalistischen politischen Orientierungen sind nicht säuberlich getrennt auf bestimmte Staaten verteilt. In unterschiedlichen Stärkeverhältnissen und unterschiedlichen Graden von Klarheit und Entschlossenheit sind sie in mächtigen Staaten als bevorzugte Positionen konkurrierender politischer Kräfte wahrnehmbar. Nach bisheriger Erfahrung ist ein waschechter universeller Humanismus ohne Beimischung nationalistischer und / oder imperialistischer Motive weltweit die weitaus schwächste politische Position.



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