Vom "Bluff" zum "Drama"

28. Juli 2025

IfW-Präsident Gabriel Felbermayr hält die jüngste Zoll-Drohung von US-Präsident Trump für einen Bluff und verweist auf Berechnungen zu den Folgen des Handelsstreits, wonach die USA einen Wohlfahrtsverlust von bis zu 9,5 Mrd. US-Dollar hinnehmen müsste.[ifw.kiel 06. 05. 2019]

Sechs Jahre später textet der Experte frustriert auf X:

Ein trauriger Tag für den Freihandel: 15% Zoll auf EU-Waren in den USA ist besser als 20 oder 30%, keine Frage. Aber der „Deal“ ist teuer erkauft. Vielleicht zu teuer.[X 28. 07. 2025]

Seine Kollegin, die "Wirtschaftsweise" Ulrike Malmendier nennt den Deal ein "Drama" und Kollege Fuest vom Münchner ifo formuliert:

Der asymmetrische Handels-Deal ist eine Demütigung für die EU, aber sie reflektiert die realen Machtverhältnisse. Mehr war nicht drin. Hoffentlich lernen die Europäer daraus: Wirtschaftskraft stärken und militärische und technologische Abhängigkeit von den USA abbauen! [NIUS 28. 07. 2025].

Werden die Europäer daraus lernen?

Die Zeiten, "in denen das Wünschen noch geholfen hat" (Brüder Grimm) sind bekanntlich vorbei. Konkret: wie kann die EU ihre Wirtschaftskraft stärken und militärische und technologische Abhängigkeit von den USA abbauen? Jetzt, nachdem die EU sich aus der Jahrzehnte währenden "Erpressung" durch Russlands billige Energie endlich befreit und die politischen und ökonomischen Beziehungen zm rohstoffreichsten Staat der Welt abgebrochen hat? Jetzt, da EU-Funktionäre begeistert beschlossen haben, Waffen für die Ukraine aus den USA zu kaufen und EU-Staaten mit US-Produkten für einen direkten Krieg mit Russland zu bewaffnen? Jetzt, da die EU sich auch mit China moralisch und politisch anlegt?

Fakt ist: Auf Sicht hat die EU-Nomenklatura der Wirtschaft und den Bürgern der EU jede maßgebliche politisch-ökonomische Alternative zur Abhängigkeit von den USA verrammelt.

"Nein! Es gibt auch andere große Märkte auf der Welt!" Die Adenauer-Stiftung etwa hat Brasilien im Visier, freilich nicht ohne strenge moralische Forderungen:

Langfristig eröffnet eine enge Partnerschaft mit Brasilien der EU und Deutschland die Möglichkeit, nicht nur wirtschaftliche Interessen zu verfolgen, sondern auch gemeinsam globale Standards zu entwickeln und die regelbasierte internationale Ordnung aktiv mitzugestalten, zu reformieren und zu stärken. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass Europa Brasilien als eigenständigen, gleichwertigen Akteur respektiert und die spezifischen Interessen und Erfahrungen des Landes kennt und berücksichtigt. Letzteres trifft in gleicher Weise auch auf die Gegenseite zu. Einer Zusammenarbeit mit Europa eher abträglich sind symbolträchtige Gesten wie beispielsweise die Teilnahme des brasilianischen Präsidenten Lula an der Militärparade zum 80. Jahrestag des Kriegsendes am 9. Mai in Moskau. Sie behindern eine vertrauensvolle, zukunftsgerichtete Zusammenarbeit zwischen Europa und Brasilien, die beiden Seiten große Vorteile bringen und einen Beitrag zur Stabilisierung der multilateralen Weltordnung leisten könnte. [03. 07. 2025].

Tja. Aber mit moralischen Hindernissen ist es nicht getan. Die USA planen offenbar Sekundärsanktionen gegen alle Länder zu verhängen, die Handel mit Russland treiben. Wie erfolgreich immer das sein mag, welche internationalen Turbulenzen das auslöst oder nicht: hilfreich für die EU ist es nicht.

Die Atlantiker in der EU trösten sich mit der Hoffnung, Trump aussitzen zu können. Sie warten auf einen Herzinfarkt, auf ein erfolgreiches Attentat, auf den Sieg der Demokraten bei den nächsten Wahlen, auf einen guten Onkel im Weißen Haus... aber was sollte sich damit am Vasallenstatus einer EU ändern, die nicht frei und souverän entlang ihrer eigenen Interessen handelt?

Ergänzung, 29. Juli 2025

Ein Freund schreibt mir unter anderem:

Meines Erachtens ist der Trump-Ursula von der Leyen-Deal für die EU eine Katastrophe... Die Daten der EU zeigen, dass sie im vergangenen Jahr insgesamt Öl, Pipelinegas, Flüssigerdgas und Kohle im Wert von 438,6 Milliarden Dollar importiert hat. Aus den USA bezog die EU allerdings nur Energie im Wert von 75,9 Milliarden Dollar. Das ist nicht einmal ein Drittel der mit Trump vereinbarten 250 Milliarden Dollar pro Jahr. Die Erfinderin des EU GREEN DEALS hat also Trump zugesagt, dass die EU in den nächsten 3 Jahren pro Jahr 4x so viel Fossile aus USA kauft, wie bisher. Das ist für die Erfinderin des EU GREEN DEALS die totale Bankrott-Erklärung..

Dieser famose deal ist eine Rechnung für die selbstverschuldete Unmündigkeit der EU. Das in den EU-Staaten vorherrschende, atlantisch orientierte Establishment hat die EU in eine geopolitische Sackgasse geführt und findet nicht mehr heraus.

Wäre die EU-Politik rational und an den eigenen Interessen orientiert, müsste sie

# den Krieg in der Ukraine sofort einstellen

# mit Russland einen Kompromissfrieden schließen: das geht nicht (mehr) ohne Abtretung der Krim und der vorwiegend russisch besiedelten Gebiete der Ostukraine und nur ohne NATO-Beitritt des EU-orientierten Teils der Ukraine

# ökonomische Beziehungen zu Russland wieder aufnehmen

# sich im Verhältnis zu China, zu den BRICS-Staaten etc nicht weiter im Kielwasser der USA bewegen



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