Fragen zur Energiewende

10. Juni 2025

Stellenwert der Energiefrage

Die Verfügung über ausreichende Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen ist ein zentraler Angelpunkt polit-ökonomischer Macht und steht daher im Mittelpunkt nationaler, transnationaler und geopolitischer Strategien (vgl. Sprengung von Nordstream 1, 2).

Die UNO, die EU-Kommission, nicht zuletzt die Regierungen in Deutschland und Österreich sind seit einigen Jahren mit diesem Thema vor allem unter dem Ziel einer Wende zu "sauberer" Energie zur "Rettung" des derzeitigen Klimas umgegangen. Unter ökonomischem Druck tritt dieser Gesichtspunkt jüngst zum Leidwesen der "Klimaschützer" etwas zurück.

Zur Lage

Bevor ich mich zu dieser Strategie äußere, eine knapp formulierte Bestandsaufnahme nach meinem Wissensstand (1):

1) Ca 80 Prozent der derzeit genutzten Primärenergie in der Welt stammen aus Kohle, Gas, Erdöl. In Österreich sind es aufgrund eines relativ hohen Anteils von Wasserkraft und biogenen Energiequellen (zB Brennholz, Pellets, Hackschnitzel) "nur“ 64 Prozent. Erneuerbare Energieträger spielen im Verhältnis zur Bedeutung fossiler Energieträger bisher eine nur marginale Rolle.

2) Der Vorteil der fossilen Energieträger im Verhältnis zur Wind- und Sonnen-Wasserstoff-Technologie ist ihr hoher Energiegehalt, ihre Grundlastfähgigkeit, der einfache Transport und die einfache Speicherung bei einer bereits vorhandenen Infrastruktur. Nur in sonnigeren Breitenlagen scheint die Sonnen-Wasserstoff-Technologie ökonomisch darstellbar - aber auch das ist umstritten, denn selbst am Äquator können Elektrolyseure zur Erzeugung grünen Wasserstoffs nur tagsüber arbeiten.

3) Unabhängig von der Frage der CO2-Belastung werden die fossilen Energieträger irgendwann zur Neige gehen. Die Schätzungen dazu gehen auseinander: nach den „Grenzen des Wachstums“ (1972) müssten sie schon erschöpft sein. Wenn sie noch weitere 50, 100 oder mehr Jahre verfügbar sind, ändert das zwar nichts an der Notwendigkeit, angesichts des Energiehungers in der Welt andere Energiequellen zu erschließen, verlängert aber den Zeitraum für die Entwicklung von Alternativen.

4) Aufgrund der hohen Energiedichte der fossilen Stoffe und ihrer sonstigen Vorteile ist ihr adäquater und leistbarer Ersatz durch "saubere" / "erneuerbare" Energieträger allein bis zur Höhe des derzeitigen Verbrauchs eine ungeheure Herausforderung für Naturwissenschafter und Ingenieure vieler Disziplinen und nicht bloß eine Angelegenheit des politischen Willens, wie "Klimaschützer" propagieren.

5) Kann Atomenergie die Lücke schließen? Der Anteil der Kernenergie am Primärenergieverbrauch beträgt derzeit knapp 2 Prozent, die Endlagerung ist nur theoretisch gelöst, die Sicherheitsfrage wird unterschiedlich eingeschätzt. Weltweit gibt es viele neue Projektvorhaben, auch mit neuen Brennstoffen (Thorium). Dennoch: Energie im Umfang der Fossilen auf Basis der Kernspaltung verfügbar zu machen ist kurz- / mittelfristig nicht realisierbar.

6) Dass die Kernfusion die Lösung aller Energieprobleme sein wird, habe ich schon vor 60 Jahren gelesen. Ein praktischer Einsatz scheint trotz interessanter Forschungsergebnisse (2) immer noch außer Reichweite.

Schlussfolgerungen

# Eine De-Karbonisierung der Wirtschaft in unserer Breitenlage auf Basis des derzeitigen Stands der dazu verfügbaren Technologien erfordert einen enormen, offiziell weit unterschätzten Material- und Kosteneinsatz. Dass die „Sonne keine Rechnung schickt“ ist richtig, aber irreführend: Sonnen- und Windenergie in unseren Breitengraden einzufangen, zu transformieren, zu transportieren, zu speichern... verursacht enorme Investitions- und laufende Kosten, die sich im Verbraucherpreis niederschlagen müssen. Zugleich bleibt die Leistung im Vergleich zum Aufwand winzig (3). Die Gefahr von Fehlinvestitionen ist hoch.

# Die angepeilte Umsetzung der De-Karbonisierung ist in den politisch kommunizierten Zeiträumen weder materiell (4)., naturwissenschaftlich-technisch noch finanziell zu leisten.

# Hält die Politik in der EU / in Österreich an dieser Zeitschiene fest, vertreibt sie die energieintensive Industrie unwiderruflich in andere Weltgegenden, in Länder, die diese Strategie nicht fahren: das sind die weitaus meisten Länder dieser Welt. Selbst im Narrativ der Klimaschützer dient das dem Klima nicht im geringsten (eher im Gegenteil), sondern schädigt lediglich den Wirtschaftsstandort EU / Ö.

# Ohne längerfristige begleitende Nutzung von fossilen Stoffen und Atomstrom ist die derzeit konzipierte De-Karbonisierung nur bei einem nachhaltigen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft und unter schwer vorstellbaren Einschränkungen des Lebensstandards in der EU / Ö möglich.

Vorbild China?

Als interessierter Bürger mit Respekt vor dem Know-how einschlägig tätiger Physiker und Ingenieure und erfüllt von erfahrungsgestütztem Misstrauen gegenüber Heilsbringern aller Art beurteile ich den militanten "Klimaschutz" skeptisch.

Die Bemühung, den "Klimawandel" aus einem Punkte zu kurieren und das Leben auf dem Planeten unter das Diktat der unbedingten CO2-Vermeidung zu stellen halte ich nicht für wichtiger als Anpassungsmaßnahmen an den Wandel des Klimas: erweist sich das CO2-Modell im weiteren Verlauf etwa als unzureichende Erklärung, hätte man viel Zeit, Energie und Geld verloren, sich allein auf die CO2-Vermeidung zu konzentrieren.

Nach den verfügbaren Informationen verfolgt China einen pragmatischen, klimapolitisch dennoch ambitionierten energiepolitischen Ansatz. China

# ist immer noch stark auf Kohle angewiesen, hat den Kohleverbrauchsanteil aber von 2013 bis 2023 von 67,4 auf 55,3 Prozent verringert und von 2005 bis 2022 seine CO2-Emissionen pro BIP-Einheit um über 50 Prozent gesenkt.

# will Solarkapazitäten bis 2030 auf 1.7000 GW ausbauen. Zum Vergleich: Die installierte Leistung aller Photovoltaikanlagen in Deutschland betrug Ende 2024 rund 99,8 GW. Bis 2030 soll diese Leistung auf 215 GW und bis 2040 auf 400 GW steigen. Allerdings: Deutschland hat 1.500 bis maximal 1.800 Sonnenstunden pro Jahr. Die chinesische Kubuqui Wüste hat 3.100, Tibet 3.000 und Peking 2.500 Sonnenstunden im Jahr. In der Kubuqi-Wüste entsteht das größte Solarkraftwerk der Welt. Es soll Strom für mehr als 20 Millionen Menschen liefern und die Wüste begrünen.

# will bis 2060 "klimaneutral" werden.

# produziert 75 Prozent der globalen Solarmodule und 60 Prozent der Windturbinen.

# führt in der Batterietechnologie und ist der größte Markt für E-Autos.

# betreibt das größte Aufforstungsprojekt der Welt, die Grüne Mauer und hat damit ein ähnliches Projekt in Afrika inspiriert.

Die gigantischen Aufforstungsprojekte in China und Afrika zählen neben Stadtbegrünung, Ausbau des Hochwasserschutzes, Regenwassermanagement und Bewässerungsprojekten schon zu den Anpassungsstrategien.

Fragen

# Begnügt die EU, begnügt Österreichs Regierung sich mit einem stillen Rückzug aus einem Teil der "grünen" Förderungen allein aus banalen budgetären Motiven?

# Gibt es eine Evaluierung der bisherigen Maßnahmen und des Fördereinsatzes des "Green Deals"? Wer wird damit beauftragt?

# Gibt es die Ambition, zumindest auf nationaler Ebene das energiepolitische Konzept zu überarbeiten?

# Werden dabei Pragmatiker, naturwissenschaftlich-technisch versierte Fachleute und Ökonomen Regie führen oder klimapolitische Zeloten?

# Oder tritt an die Stelle einer mit apokalyptischen Ängsten aufgeladenen "Klimapolitik" nur ein neuer, emotionalisierter Schwerpunkt der Politik in Form der Rüstungshysterie?

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(1) Meine Quellen sind zahlreiche Unterlagen, Diagramme und Statistiken, die in einer Gruppe von einschlägig kompetenten Ingenieuren, Physikern und Managern geteilt und diskutiert werden.

(2) "Meilenstein" für die Kernfusion [Telepolis].

(3) Vgl. dazu etwa das Projekt Underground Sun Storage der RAG in Gampern: Die VOEST bräuchte bekanntlich nach eigenen Angaben für GREEN STEEL mit GRÜNEM WASSERSTOFF ca. 33 TWh GRÜNEN STROM p.a. (=33.000 GWh). (Laut Werner Kepplinger ca. das Doppelte, da 650 Nm3 Wasserstoff nicht für eine Tonne DRI ausreichen). Die 4,2 GWh von Underground Sun Storage („USS“) würden also nur für 1,1 h des Betriebes des Elektrolyseurs, den die VOEST bräuchte, reichen. In den restlichen 8758,9 h (8760 -1,1h) eines Jahres würde der Elektrolyseur der VOEST mit Wasserstoff aus Gampern stillstehen (Bruno Lindorfer)

(4) Die Installation von Windkraft- und Solaranlagen, Kabeltrassen, Batterien etc erfordert berechenbare Mengen an spezifischen Metallen und seltenen Erden. Die Materialien, die erforderlich wären, um mit solchen Erneuerbaren die Leistung zu ersetzen, die derzeit von fossilen Energieträgern erbracht wird, sind schlicht nicht verfügbar: It was shown that both 2019 global mine production, 2022 global reserve estimates, 2022 mineralresources, and estimates of undersea resources, were manifestly inadequate for meeting projected demand for copper, lithium, nickel, cobalt, graphite, and vanadium. Simon P. Michaux, Estimation of the quantity of metals to phase out fossil fuels in a full system replacement, compared to mineral resources.



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