Neue Weltordnung

12. Mai 2025

And you better start swimmin’
Or you'll sink like a stone
For the times they are a-changin’

Bob Dylan (1964)



Geschätzte historische Anteile der Weltregionen am BIP der Welt in den Jahren 1500 bis 2008

Anteil ausgewählter Weltregionen am kaufkraftbereinigten globalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2024

BRICS Plus and G7 countries' share of the world's total gross domestic product (GDP) in purchasing power parity (PPP) from 2000 to 2024

Die Grafiken veranschaulichen anhand der Wirtschaftskraft der Weltregionen den Aufstieg, die Dominanz und den Niedergang des "Westens" im Verhältnis zu anderen Zivilisationen.

Mit der Eroberung Amerikas und von Kolonien in Asien und Afrika wächst der Anteil des "Westens" am Welt-BIP seit 1500 vor allem auf Kosten Asiens (Indien, China) und erreicht seinen Höhepunkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Portugiesen, Spanier, Niederländer, Belgier, Franzosen, Engländer und letztlich Amerikaner sind daran beteiligt und folgen einander in der Rangordnung in oft blutiger interner Konkurrenz. Der imperialistische Spätstarter Deutschland stürzt die ganze Welt in den Krieg und scheitert katastrophal.

Nach dem Zweiten Weltkrieg dominieren die USA ökonomisch und militärisch nicht nur den Westen sondern die ganze Welt. Zugleich beginnt ein relativ rascher Niedergang des "Westens". Den europäischen Kolonialmächten kommen ihre Kolonien der Reihe nach abhanden. Sie verlieren Befreiungskriege in Asien und Afrika und ziehen sich widerwillig zurück. Die USA können das koloniale Erbe der Europäer in Asien und Afrika nicht antreten (Vietnam). Obwohl die zusammengeschrumpften Mächte sich in ihren ehemaligen Kolonien durch Handelsverträge, Schürfrechte, Militärstützpunkte etc festkrallen, büßen sie nach und nach auch solche Positionen ein. Der Hinauswurf Frankreichs aus Mali, Burkina Faso, Niger (1) ist das jüngste Beispiel dafür.

Zwei Mächte außerhalb des Westens haben die De-Kolonisierung ideologisch, politisch und militärisch unterstützt. China und die Sowjetunion waren zwar ökonomisch vergleichsweise schwach, aber es waren und sind Atommächte. In vielen Ländern außerhalb des Westens sind sie auch nach der Auflösung der Sowjetunion eine erwünschte Alternative zur Kooperation mit ehemaligen Kolonialmächten geblieben (2).

Niedergangs-Beschleuniger

In der Sonne der Dominanz des Westens und des breiten Wohlstands seiner Bevölkerung haben sich in den westlichen Gesellschaften Verhaltensweisen entwickelt und verfestigt, die den Niedergang des Westens im Verhältnis zu anderen Zivilisationen beschleunigen. Die pazifizierte und hedonistisch gesinnte Bevölkerung im Westen ist kindermüde, wehrdienstmüde und freizeitfreudig (3).

Die geringe Fertilität und die gesunkene Arbeitsfreudigkeit autochthoner Europäer begünstigen anhaltend die Migration aus anderen Kulturen. In die EU strömen vor allem gering qualifizierte Menschen aus islamischen und afrikanischen Ländern. Die USA hingegen sind nicht nur für Hispanos interessant, sondern auch für gut ausgebildete Menschen aus entwickelten ostasiatischen Kulturen. Etwa 20 Prozent des qualifizierten STEM-Personals in den USA sind Ausländer. Inder und Chinesen dominieren dabei.

Die USA profitieren von einem brain drain aus Europa und Ostasien (4), während die ersehnten "Fachkräfte" in der EU auf Schlauchbooten über das Mittelmeer kommen - wenn sie nicht überhaupt aus Afghanistan eingeflogen werden, wie während der Ampel-Koalition in Deutschland. Diese Zuwanderer können erst auf Kosten des Ankunftlandes europäisch sozialisiert und ausgebildet werden. Ob die Assimilationskraft der europäischen Kultur dazu noch kräftig genug ist? 15 Jahre nach dem Erscheinen von Sarrazins Bestseller "Deutschland schafft sich ab" halten mittlerweile mehr Menschen als damals das Gegenteil für wahrscheinlicher: Gesellschaft, Wertvorstellungen, religiöse Einstellungen etc in den Ländern der EU werden zunehmend von den Zuwanderern geprägt: in der EU anders (5) als in den USA.

Strategiewechsel der USA

Europäische Staaten haben Kolonien erobert und betrieben, um den Reichtum dieser Länder in Form von Rohstoffen und billigen Arbeitskräften für sich selbst zu nutzen. Nach dem Bankrott der Sowjetunion schien sich die Welt außerhalb des Westens freiwillig zu öffnen für westliches Kapital und renditestarke Produktionsverlagerungen. Das unter Jelzin geschwächte Russland war bereit, als günstige Rohstoffquelle und Absatzmarkt zu dienen. Unter der gütigen Hegemonie der USA schien für den Westen ein neues goldenes Zeitalter anzubrechen.

Diese Hoffnungen sind rasch einer Ernüchterung auf beiden Seiten gewichen. Produktionsverlagerungen haben zu Beschäftigungseinbrüchen und zu erhöhter Arbeitslosigkeit im Westen geführt. Durch günstige Importe wurde dieser Wohlstandsverlust für weite Teile der Bevölkerung nicht kompensiert. In den "Partnerländern" hingegen verstärkte sich der Eindruck, nicht auf Augenhöhe behandelt, sondern Opfer einer neuen Art von Kolonialismus zu werden. Putin brachte Oligarchen unter Kontrolle, die gemeinsam mit westlichen Partnern den Ausverkauf Russlands organisierten. Die verlängerten Werkbänke emanzipierten sich vor allem in China schnell zu neuen, zunehmend überlegenen Konkurrenten (6). Das Know-how in strategisch wichtigen Bereichen schwand im Westen, während es sich in anderen Erdteilen rasant entwickelte. Der Wohlstand außerhalb des Westens stieg schneller: Nach dem kaufkraftbereinigten Bruttoinlandsprodukt lag 2024 China an der Spitze vor den USA, Indien, Russland, Japan, Deutschland und Brasilien [STATISTA].

Diese Entwicklung hat Spannungen zwischen dem "Westen" und den erstarkten Mächten außerhalb des Westens verschärft. Der Prozess der Globalisierung mit notfalls militärischer Unterstützung unter Regie und Bedingungen der USA ist auf hartnäckigen Widerstand und Grenzen gestoßen (Ukraine), während ein bisher gewaltfreier Globalisierungsprozess instrumentiert von China (BRICS, Neue Seidenstraße) sein Wachstumspotential offenbar längst nicht ausgeschöpft hat.

Die neue US-Administration hat angesichts dieser Entwicklung einen Strategiewechsel eingeleitet, der die EU mit Recht beunruhigt. Die EU-Politiker wünschen sich weiter einen guten Onkel im Weißen Haus, weil sie ohne diesen Onkel selbst einen radikalen Strategiewechsel vollziehen müssen. Dazu sind sie weder vorbereitet noch willens - derzeit zumindest.

Die neue US-Administration inszeniert sich nicht als "Führer der freien Welt", sondern als Imperium mit klar und roh kommunizierten Eigeninteressen. Die Trumpisten wollen ausgelagertes Know-How und ausgelagerte Produktionen zurückholen, das Handelsdefizit durch rüde Vorgaben ausgleichen ("Zölle oder Deals!") und den Staatsapparat abschlanken, nicht zuletzt an Stellen, die nur für die Rolle des westlichen Führers nützlich sind. Dazu passt der Rückzug aus kostspieligen Auseinandersetzungen, die dem unmittelbaren Eigeninteresse nicht dienen. Das Imperium ist nicht aus auf Eroberungen auf anderen Kontinenten, aber will die unmittelbare Nachbarschaft an die Kandare nehmen (Panamakanal, Canada, Grönland).

In der Wahrnehmung der EU-Nomenklatura erscheint dieser Strategiewechsel unfreundlich, dumm, selbstschädigend und daher nicht nachhaltig. Ob dies eine zutreffende Einschätzung oder wishful thinking ist wird sich herausstellen. So oder so: Der Strategiewechsel der USA ist ein Indiz dafür, dass es dem Westen nicht möglich ist, die Interessen Russlands, Chinas und der mit diesen Ländern verbundenen Staaten des „Südens“ einfach zu ignorieren. Um etwa Russland den Willen des „Westens“ aufzuzwingen müssten die USA und die EU das Risiko eines Weltkriegs eingehen. Diesem Risiko ist schon die Biden-Administration ausgewichen. Trump hingegen hat von Anfang an das Engagement in der Ukraine als überflüssig abgelehnt. Die USA sind derzeit nicht bereit für einen großen Krieg, während viele EU-Politiker dies heftig zu wünschen scheinen.

EU allein zuhause

Die EU hat fest damit gerechnet, dass Russland diesen Krieg aufgrund der massiven Unterstützung der NATO-Staaten verliert und "ruiniert" oder zumindest so geschwächt wird, dass die EU davon profitieren und sich weiter nach Osten ausdehnen kann. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Auch wenn es vermutlich zu keinem vertraglich gesicherten Friedensschluss kommt und in der Ukraine nur eine Demarkationslinie entsteht: Russland fällt für eine feindliche EU als Rohstofflieferant und als Exportmarkt aus, ohne selbst daran maßgeblich zu leiden. Als Mitglied der BRICS stehen Russland genug andere Geschäftspartner zur Verfügung. Das Sanktionsregime des Westens ist zahnlos geworden.

Russland ist das rohstoffreichste Land der Welt (7) und ein unverändert großer Machtfaktor in Europa im Vergleich zu Frankreich, Großbritannien, Deutschland, deren geopolitisches Potential durch Kriege und Verluste ihrer Kolonien zusammengeschrumpft ist. Nur wenn diese Staaten an einem Strang ziehen und die USA mitmachen, können sie Russland unterwerfen. Die Koalition dieser "Willigen", zu denen sich auch Polen gesellt hat, versucht daher, die USA mit allen Mitteln zur Fortsetzung des Krieges zu motivieren.

Kann die "Koalition der Willigen" die USA auf Kriegskurs halten (8), geht das Sterben und das Vernichten von Wohlstand in Europa weiter. Beteiligen die USA sich nicht länger an diesem Krieg muss die EU einen schmerzhaften Strategiewechsel vollziehen: entweder mit Russland auf Augenhöhe kooperieren oder nachhaltig auf andere, teurere Rohstoff-Quellen und auf andere, schwerer zugängliche Absatzmärkte umsteigen.

Die dritte Option funktioniert nur in der Phantasie einiger EU-Politiker: eine EU, die stark genug ist, sich gleichzeitig mit Russland, China und den USA anzulegen.

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(1) Der französische Präsident kritisiert dabei allen Ernstes die "mangelnde Dankbarkeit afrikanischer Staaten" [euronews]. Welch groteske Überheblichkeit.

(2) Der beste Beleg dafür ist der Erfolg der BRICS, vgl dazu Anteil der BRICS-Staaten und Erweiterungsländer am kaufkraftbereinigten globalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 1992 bis 2023 und Prognosen bis 2029 [STATISTA].

(3) a) Vgl. dazu Fertilitätsraten nach Weltregionen im Jahr 2023 [STATISTA].

b) Die meisten Länder im Westen haben die Wehrpflicht abgeschafft. Berufsheere, technologische Überlegenheit und der Einsatz von Stellvertreter-Soldaten (Ukraine) schienen ausreichend, um den Rest der Welt im Zaum zu halten. Unter dem Eindruck des unerwartet erfolglosen Kriegs in der Ukraine wird die Rückkehr zur Wehrpflicht diskutiert. Deutschland jedenfalls will wieder "kriegstüchtig" [Pistorius im Bundestag] werden. In diesem Fall scheint der Wortgebrauch aus der Nazi-Zeit nicht verpönt: „Kriegstüchtig wie nur je“ betitelt Joseph Goebbels seinen Leitartikel in der Wochenzeitung Das Reich vom 9. Juli 1944. - Die persönliche Wehrbereitschaft hält sich nach wie vor in Grenzen: Nur 29 Prozent der Befragten wären persönlich bereit, Deutschland mit der Waffe zu verteidigen. Die Mehrheit (54 Prozent) lehnt das ab. Besonders auffällig ist die Diskrepanz bei den Wählern der Grünen: 65 Prozent sind für Kriegstüchtigkeit, aber nur 30 Prozent würden das eigene Land auch verteidigen [NIUS].

c) Seit 1950 ist die durchschnittliche Wochenarbeitszeit in Europa kontinuierlich von 48 auf derzeit rund 37 Stunden gesunken. Darüber hinaus ist die Lebensarbeitszeit in Europa aufgrund der längeren Schuldbildung eines wachsenden Teils der Bevölkerung und durch die Inanspruchnahme von Vorruhestandsregelungen gesunken. Bemühungen mancher Regierungen, diesen Trend zu stoppen / umzukehren waren bisher erfolglos. So lange die Produktivität die Verkürzung der Arbeitszeit überkompensiert oder zumindest egalisiert ist das kein Problem. Seit etwa 2000 aber ist das Produktivitätswachstum in der EU anhaltend schwach und der Anteil der Pensionisten steigt: in den 1950ger Jahren kamen in Österreich etwa 5 bis 6 Erwerbstätige auf einen Pensionisten. 2024 entfielen auf einen Pensionisten laut Statistik Austria 1,6 Erwerbstätige.

(4) Zwei Drittel der qualifizierten Arbeitskräfte im Silicon Valley sind im Ausland geboren: [The Spokesman-Review, March 11, 2025].

(5) Nicht nur zur Weihnachtszeit, auch im Ramadan-Fastenmonat sollen wichtige Straßen und Plätze wie Kurfürstendamm und Potsdamer Platz beleuchtet werden. Die Berliner Grünen fordern mit einem Parlaments-Antrag: „Gleichbehandlung jetzt!“... nach Ansicht der Berliner Grünen sollte sich diese Sichtbarmachung nicht auf „migrantisch geprägte Orte“ beschränken, sondern „in der Breite der Gesellschaft Raum finden“ [Berliner Zeitung].

(6) China’s global lead extends to 37 out of 44 technologies that ASPI is now tracking, covering a range of crucial technology fields spanning defence, space, robotics, energy, the environment, biotechnology, artificial intelligence (AI), advanced materials and key quantum technology areas... The US comes second in the majority of the 44 technologies examined in the Critical Technology Tracker. The US currently leads in areas such as high performance computing, quantum computing and vaccines. Our dataset reveals that there’s a large gap between China and the US, as the leading two countries, and everyone else [Australian Strategic Policy Institute].

(7) Allein dieser Umstand macht Russland zu einem Objekt der Begierde - vor allem für das Kapital im "Westen". - In der Liste der rohstoffreichsten Länder finden sich hinter Russland die Erdölländer von Venezuela bis Saudi Arabien, aber auch die USA, Canada und China, aber kein Staat aus der EU. Vgl dazu [WIKIPEDIA].

(8) Das ist keineswegs ausgeschlossen. Die Russenhasser im Kongress planen jedenfalls Druckmittel auch gegen Drittländer: The US senator Lindsey Graham, a close ally of Donald Trump, is expected to brief European leaders on Thursday in Antalya on his plans to push through Congress sanctions designed to devastate the Russian economy if Vladimir Putin does not show a willingness to negotiate the future of Ukraine in good faith... Graham has described them as bone-crushing sanctions... The already published Graham sanctions bill includes a 500% tariff on imports into the US from countries that buy Russian oil, petroleum products, natural gas or uranium [The Guardian].



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