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| Sonntagsreden und Symbolpolitik |
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29. Oktober 2025
Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis Ernst Ferstl Der HBP hat in seiner Rede zum Nationalfeiertag erneut ein Loblied auf den Kompromiss angestimmt. Der gute Kompromiss bewahrt uns davor, uns gegenseitig zu bekämpfen. Er zwingt uns dazu, die jeweils andere Seite zu verstehen. Er zwingt uns dazu, auch an die jeweils andere Seite zu denken. Der gute Kompromiss ist lebenswichtig für unsere Demokratie... niemand ist im alleinigen Besitz der Weisheit. Nur wenn man es schafft, die einzelnen Perspektiven zu einer größeren Sicht auf die Dinge zu verbinden, kommt man gemeinsam weiter. Der gute Kompromiss ist österreichisches Kulturgut! (Website der Präsidentschaftskanzlei). Gegen diese Ausführungen ist nichts einzuwenden. Diese Denkfigur - Aus Position A und B wird die bessere Lösung C. Die gemeinsame Lösung C. - hat Hegel als Bewegungsart des Geistes, als dialektische Methode zur Aufhebung des Widerspruchs (tollere, conservare, elevare) verstanden. Marx und Engels hielten sie für ein zu Bewusstsein gekommenes Entwicklungsschema in Natur und Gesellschaft (1). Der HBP bezieht sich mit seinem Lob der Dialektik auf die konstruktive Zusammenarbeit der maßgeblichen politischen Kräfte Österreichs nach 1945. Der gute Kompromiss hat uns groß gemacht und er wird uns weiterhelfen. Im aktuellen Konflikt zwischen der NATO-EU und Russland hat die Dialektik vorderhand Pause. Auch im neutralen Österreich. Oder hat jemand bemerkt, dass der HBP sich in diesem Fall je auch nur im geringsten mit dem Verständnis der anderen Seite befasst hat? Weiß jemand von seiner Bemühung, die einzelnen Perspektiven zu einer größeren Sicht auf die Dinge zu verbinden? Welche Gedanken zu einem guten Kompromiss hat er dazu je geäußert? Im Gegenteil. Im Unterschied zum US-Präsidenten und zu Repräsentanten einzelner NATO-Staaten hält er besonders unbeweglich an der Position A der NATO fest. Es ist halt leichter, eine Sonntagsrede zum guten Kompromiss zu halten, als sich der Arbeit des Begriffs (Hegel) zu unterziehen und an einer intelligenten, beiderseits akzeptablen Aufhebung eines Widerspruchs zu arbeiten. Damit wird die politische Entwicklung an das Schlachtfeld delegiert (2).
An einer diplomatischen Aufhebung der Widersprüche mitzuarbeiten - wäre das einem neutralen Land nicht angemessen? Theoretisch ja, in der Praxis offenkundig nicht. Unsere Neutralität ist zwar schon ordentlich durchlöchert, aber die Frage, warum man sich vorschnell von ihr verabschieden sollte, ist schon auch berechtigt [Oberösterreichische Nachrichten] vermeidet der Historiker Hannes Leidinger eine Festlegung zum aktuellen Wert und Nutzen der österreichischen Neutralität. Diese Unentschiedenheit stützt die Taktik des politischen Establishments (3). Einerseits legen Regierung und Präsident eine absolute Null-Kompetenz in Sachen Neutralitätspolitik an den Tag - ein unwiderlegliches Indiz dafür, dass sie sich von der Neutralität verabschiedet haben. Da eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung die Neutralität aber immer noch als sinnstiftend für Österreichs Stellung in der Welt empfindet, geben führende Politiker salbungsvolle Wortspenden dazu ab und hüten sich, die Neutralität formell zu beenden. Neutralität hat entgegen der aktuellen neutralitätsfeindlichen Propaganda (4) einen Platz in der Welt. Wenn die Mächtigen miteinander verhandeln, ziehen sie Orte vor, die weder dem einen noch dem anderen feindlich sind und Facilitäten, die ihr Gespräch begünstigen. Der Schweiz ist es über Jahrhunderte gelungen, diesen Status zu bewahren. Ihre Bürger sind damit nicht schlecht gefahren. Im aktuellen Konflikt haben Österreich und die Schweiz diese Position verlassen / verspielt. Daher springen andere Länder ein und versuchen, eine vermittelnde Funktion glaubhaft wahrzunehmen.
Angesichts noch unerwünschter Veränderungen in Gesellschaft und Kultur Europas aufgrund der ungesteuerten Immigration aus dem Nahen Osten / aus Nordafrika versucht auch Österreichs derzeitige Regierung die Reißleine zu ziehen. Mit einem Kopftuchverbot für junge Mädchen an Schulen. Der Verfassungsgerichtshof hat ein Kopftuchverbot an Volksschulen schon einmal aufgehoben, weil nur ein Geschlecht und nur eine Religion betroffen war. Um das neue Gesetz gegen den Verfassungsgerichtshof zu immunisieren wird der Gedanke ventiliert, es in den Verfassungsrang zu heben. Die verfassungsgerechte Option, alle religiösen Symbole, also auch Kreuze, aus den Schulen zu verbannen, hat vermutlich keine Chance im Parlament. Um sich gegen den erstarkenden Islam zu verwahren müsste Österreich den eigenen Regeln gemäß auch das Christentum im öffentlichen Raum beschneiden. Das käme im Verständnis eines immer noch großen Teils seiner Bevölkerung einer kulturellen Selbstkastration gleich. Vermutlich wird also weder das eine noch das andere passieren und die kulturelle Entwicklung nimmt weiter einen Verlauf, der politisch kaum mehr zu steuern ist. Rein demographisch ist der Zug ja längst abgefahren. Eine künftige islamische Mehrheit in der Bevölkerung ist keine Fiktion mehr. Wie der damit einhergehende gesellschaftliche Wandel im Detail aussehen wird ist noch unklar. Die Assimilationskraft des "Abendlandes" jedenfalls scheint weitgehend erschöpft und wird aufgrund des relativ schrumpfenden Anteils seiner traditionellen Bevölkerung nicht an Kraft zunehmen. Die Spanier haben seinerzeit mitten in die Moschee von Cordoba eine Kathedrale gestellt. Das geht auch umgekehrt. Nein, ich meine nicht die Hagia Sophia. Ich meine die Kapernaumkirche in Hamburg. Sie wurde 2012 einem islamischen Moscheeverein verkauft und zur Al-Nour-Moschee umgebaut. Lassen wir die Phantasie spielen: in der zweiten Hälfte des laufenden Jahrhunderts werden Bilder und Statuen aus dem Stephansdom entfernt. Die ästhetisch anspruchsvollsten Stücke erhalten Platz in einem "Museum des Christentums". Auch die Bänke werden entsorgt und der Dom wird mit schönen Teppichen ausgelegt. Von der Spitze des Turms blitzt im Sonnenlicht ein weithin sichtbarer goldener Halbmond. _______________________________________ (4) Wie schützen uns Österreichs Armee und ein Papier aus den 1950ern vor aktuellen Bedrohungen? [DER STANDARD]. Ergänzung, 31. Oktober 2025 Ein Freund schreibt: Analyse ok! Was wären deine konkreten drei Punkte zur Verbesserung? Meine Antwort (gekürzt):
a) Österreichs Regierung erklärt, eine diplomatische Lösung des Konflikts mit dem Ziel eines Interessenausgleichs ("die jeweils andere Seite zu verstehen“) zu unterstützen, um eine nachhaltige Friedens- und Sicherheitsordnung in Europa („kommt man gemeinsam weiter“) zu erzielen. Bei diesem ersten Schritt ist das Eingehen auf Details nicht erforderlich. Das wäre in dieser Phase eher kontraproduktiv. Österreich signalisiert zunächst nur unmissverständlich die Richtung des Prozesses.
Es ist klar, wie Brüssel, wie andere Staaten (vor allem die Balten, die Polen und leider auch Deutschland) und die heimischen NATO-Fans in Politik und Publizistik darauf reagieren würden:
Neutralitätspolitik ist möglich, auch wenn sie in der gegenwärtigen Regierungskonstellation offenbar nicht die geringste Chance hat. Die Migration und ihre langfristigen Folgen in Gesellschaft und Kultur zu steuern, halte ich hingegen für die weitaus schwierigere Übung.
In einem sozialen Medium habe ich meine o.a. Phantasie zum Stephansdom gepostet. Eine Auswahl der Kommentare:
Fakt ist: im Koran wird die unumschränkte Herrschaft Allahs mehrfach betont (zB Sure 3:25 oder 9:33). Islamische Staaten mit Gewaltenteilung kenne ich nicht. In Deutschland ist bei Demonstrationen schon das Kalifat gefordert worden.
Ob die säkulare Bewertungspraxis des Kommentators ("Ich bewerte unabhängig von der Religionszugehörigkeit") bei einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung noch relevant sein wird - bei Einstellungen, Postenvergaben im öffentlichen Dienst, bei Krediten etc? Wird es dann noch unabhängige Gerichte geben? |
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