Mediale Bewusstseinsbildung |
11. 02. 2024
Am zuverlässigsten unterscheiden Woody Allen Textbausteine
Auf dieser Titelseite des STANDARDs finden sich ein Bericht und ein Kommentar zu zwei Ereignissen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: ein Aufmacher über die Plagiatsvorwürfe an Frau Föderl-Schmid unter dem Titel Die Chronologie einer Hetzjagd auf Alexandra Föderl-Schmid und der Kommentar Putins gefährliches Signal an Washington. Die unterschiedliche Größe der beiden Textangebote und der Fotos betont die unterschiedliche Bedeutung der beiden Ereignisse. Bei den Vorwürfen gegen Frau Föderl-Schmid geht es laut ORF wörtlich um gleichlautende Passagen in einigen ihrer Texte zu Artikeln anderer Medien, möglicherweise sind das Textbausteine aus Nachrichtenagenturen, wie sie im Journalismus alltäglich verwendet werden. "...in einigen ihrer Texte"? Kritiker vermuten eine über Jahrzehnte geübte systematische Arbeitsweise (1) - Egal: Textbausteine aus Nachrichtenagenturen, wie sie im Journalismus alltäglich verwendet werden. Wer mehr als ein Medium konsumiert ist über diese Formulierung nicht überrascht: mit unbedeutenden Abwandlungen und unterschiedlichen Platzierungen kann man meist denselben Brei in unterschiedlichen Zeitungen lesen, wenn es nicht um regionale Themen, sondern um Weltpolitik geht. Wer aber formuliert die alltäglich verwendeten "Textbausteine" internationaler Nachrichten? Ich nehme an, WIKIPEDIA informiert diesbezüglich korrekt:
Dazu heißt es in diesem Artikel weiter: Die "Textbausteine" der Agenturen können von den meisten Redakteuren während ihrer Arbeitszeit kaum auf ihr inneres Verhältnis von Realitätsgehalt, politischen Interessen und Propaganda kritisch überprüft werden. Wie viele Journalisten das Bedürfnis danach überhaupt empfinden weiß ich nicht. Die meisten Kommentatoren bewegen sich jedenfalls im Narrativ dieser "Textbausteine", sie bekräftigen sie also nur. Gedankenfertigteile "Textbausteine" sind Gedankenfertigteile, die sehr komplex sein können und selbständiges Denken ersparen. Ihre Verbreitung im Rahmen medialer Bewusstseinsbildung und ihre Bekräftigung durch Kommentare dienen einer meist festgefügten Sicht der Welt, die dem intellektuellen Ruhebedürfnis vieler Konsumenten gewiss entgegen kommt. In den EU-Staaten herrscht die Weltsicht der oben angeführten US-Agenturen vor. Diese Sichtweise ist in Westeuropa seit langem etabliert und nach der Verschmelzung von EU und NATO im Krieg gegen Jugoslawien und der absprachewidrigen Osterweiterung der NATO politisch konkurrenzlos geworden. Mit dem Amtsantritt Joe Bidens und den voraussehbaren Folgen (vgl. dazu "America first") wurde diese Weltsicht in der EU mithilfe weiterer Fakten einbetoniert: der Krieg in der Ukraine, die still akzeptierte Sprengung funkelnagelneuer Gasleitungen, der Abbruch aller ökonomischen, politischen und kulturellen Beziehungen der meisten EU-Staaten zu Russland. Kultivierung der Sprachlosigkeit Das leitet über zum anderen oben erwähnten Artikel, zum STANDARD-Kommentar des Carlson-Interviews mit Putin. Schon vor der Veröffentlichung des Interviews war in allen Medien anhand erkennbarer "Textbausteine" (2) zu lesen, dass Tucker Carlson ein rechtsextremer Verschwörungstheoretiker, ein Putin- und Trump-Kumpel sei. Von diesem Interview sei daher nichts als Propaganda zu erwarten. Politiker erhoben die Forderung, Carlson zu sanktionieren und ihm die Einreise in die EU zu verwehren. Nach dem Erscheinen des Interviews ratterten diese "Textbausteine" erneut durch alle Medien, wurden durch Kommentare verfestigt und Carlson wurde noch schärfer attackiert: Ein Berufskollege Carlsons aus dem ORF etwa hat C. abgesprochen, Journalist zu sein, C. sei vielmehr ein "Aktivist". Ob wer Carlsons Interview mit Putin interessant, schlecht oder schändlich findet: Carlson angesichts seines Werdegangs und Stellenwerts in der US-Publizistik die Qualifikation eines Journalisten abzusprechen ist bizarr. Wer kennt im übrigen einen politischen Journalisten, der nicht zugleich "Aktivist" ist oder - in verschärfter Form - "Agitator", "Propagandist"? Rauscher? Schmitt? Frey? Ortner? Wolf? ...? Alle politischen Journalisten folgen einer Agenda. Nur die politische Ausrichtung ist unterschiedlich - das reicht von Nuancen bis zum Gegenpol. Im EXXPRESS findet sich eine Zusammenfassung des Interviews - aber Vorsicht! Der EXXPRESS ist nach dem Urteil eines ORF-Aktivisten eine "Fake-News- und Propagandaschleuder".
Im Mainstream wird Putin selektiv zitiert. Was immer er dem Publikum im Westen auf diesem Weg sagen darf, wird mit dem Label "Lüge", "Täuschung" oder "Drohung" versehen. So auch im STANDARD-Kommentar: Putins Verhandlungsbereitschaft etwa sei nur "vorgespielt". So gesehen ist Freys Kommentar tatsächlich ein Standard-Kommentar und könnte auch als "Textbaustein" Verwendung finden. Putin habe nichts als Propaganda und Lügen zu bieten. Es sei daher am besten, so die Empfehlung eines ARD-Tagesschau-Kommentators, man ignoriert das Interview einfach. So wird es sein. Die Entscheidung über das Schicksal der Ukraine, Russlands, der EU und ganz Europas werden die Verantwortungsträger im "Westen" nicht im Gespräch, nicht in Verhandlungen, sondern weiter auf dem Schlachtfeld suchen. Mit der Unterstützung der Medien können sie dabei rechnen.
Das Interview Carlsons mit Putin auf X wurde mittlerweile über 200 Millionen mal angeklickt. Ergänzung, 17. 02. 2024 Erstaunlich, wie ein anscheinend nicht ganz unintelligenter Mensch politisch so falsch liegen kann. Sie finden Putins diktatorischen Imperialismus offenbar besser als die demokratische Kultur des Westens, deren Vorteile Sie genießen. Zu dem Mord an Nawalny fällt Ihnen gewiss auch etwas Nettes über Putin ein
kommentiert ein Leser meine Texte zum Krieg in der Ukraine.
Sehr geehrter Herr... Ergänzung, 19. 02. 2024 Noch ein paar "Textbausteine": Die Welt trauert um Alexej Nawalny (Oberösterreichische Nachrichten) Weltweit trauern Menschen um den Kreml-Kritiker (Euronews) Weltweit herrschen Trauer und Bestürzung nach dem Tod des inhaftierten Kremlkritikers Alexej Nawalny (Die WELT) Offenbar auch in China, Indien, Indonesien, Afrika... Julija Nawalnaja: Nawalnys Witwe als neue politische Hoffnungsträgerin (DER STANDARD) Der "Westen" wählt den Russen eine neue Oppositionsführerin. Nawalnys Witwe zu EU-Außenministertreffen nach Brüssel eingeladen (DER STANDARD) Oppositionsführerin? Überholt! Der "Westen" befördert Julija Nawalnaja zur russischen Außenministerin. Sie wird gewiss kooperativer sein als Lawrow. _______________________________ (1) Ich muss Ihnen mit dieser E-Mail die bedauerliche Mitteilung machen, dass ein dringender Plagiatsverdacht bei hunderten Artikeln von Alexandra Föderl-Schmid besteht. Das hat nun nichts mehr mit bloßer journalistischer Nichtnennung der Quellen zu tun, das berührt jetzt wohl handfest Geschäftsmodelle und Urheberrechte der Mitbewerber. Es stellt sich ja die Frage, warum Ihre Abonnenten für Inhalte bezahlen sollen, die vorher schon genau so bei Mitbewerbern zu lesen waren - schreibt der "Plagiats-Jäger" Stefan Weber an die Redaktion der Süddeutschen Zeitung. - Berufskollegen im STANDARD tauchen die Vorwürfe gegen Frau Föderl-Schmid in das Licht einer unmoralischen Hetzjagd. Unbeteiligte hingegen könnten in dieser Darstellung den Versuch einer "Täter-Opfer-Umkehr" sehen, eine rhetorische Figur, die von STANDARD-Journalisten etwa bei missliebigen Politikern eingesetzt wird, die sich medial verfolgt fühlen. Wie immer: Politiker und Politikerinnen, denen Plagiate nachgewiesen worden waren, sind betreten unter Häme aus ihren Ämtern geschieden. Von einer "Hetzjagd" war m.W. in diesen Fällen nie die Rede. (3) 2021 hatte Amnesty International Nawalny die Einstufung als "Gewissensgefangener" aberkannt. Gerhard Mangott, der offiziöse Russland-Experte des ORF, war damals der Auffassung: "Wo Nawalny politisch steht, weiß man nicht. Es ist möglich, dass er ideologisch einfach eine Art Opportunist ist, der sich jene Positionen zu eigen macht, von denen er glaubt, dass sie in der Bevölkerung den größten Rückhalt haben". Auch außenpolitisch solle sich der Westen von Nawalny, wäre er Präsident, nicht zu viel erwarten: "Nawalny ist ein russischer Politiker, er würde als Präsident russische Interessen und nicht die des Westens vertreten. Einen echten Honeymoon mit dem Westen wird es nicht geben" [Wiener Zeitung]. Jetzt stimmt der derselbe Experte in das Tremolo der NATO ein: Mit dem Tod Nawalnys sei "jede Hoffnung" auf eine liberale (!) Front gegen die Regierung von Putin "auf lange Sicht zerschlagen" [puls24.at]. (5) Wie das funktioniert hat und weiter funktioniert aus der Sicht eines US-amerikanischen Ökonomen: Thomas Palley, Hacking: Europas Außenpolitik wurde von den USA gekapert - die Folgen sind fatal [TELEPOLIS]. |
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