Festspielpolitik

26. 07. 2022

Die Eröffnungsrede bei Festspielen in Österreich hält üblicherweise der Bundespräsident.

In der Regel haben diese Reden pastoralen, mild mahnenden Charakter entsprechend der zurückhaltenden, notariellen Amtsauffassung der meisten bisherigen Präsidenten.

Politisch ehrgeizige Präsidenten wie Klestil und Van der Bellen hielten / halten es damit anders.

Wie bei der Eröffnung der Festspiele in Bregenz hat sich Van der Bellen nun auch in Salzburg den Dunklen Herrscher in Mordor vulgo Russland in hochdramatischer Anklage vorgenommen und ihn als Erzfeind von Freiheit und Demokratie gegeißelt:

„Er will nicht nur die Ukraine, sondern uns in die Knie zwingen“, so Van der Bellen. Wladimir Putin wolle, dass man vergesse, warum in der Ukraine gekämpft werde. „Machen wir uns nichts vor, die Auseinandersetzung zwischen Despotie und Freiheit hat erst begonnen“, so Van der Bellen

Wenn wir mit VdB und dem Propaganda-Apparat der NATO annehmen, Putin herrsche in Russland als uneingeschränkter Despot wie Adolf Hitler in NAZI-Deutschland und habe ebenso das böse Ziel, ganz Europa, ja, die Welt, unter seine Knute zu zwingen - dann sollten wir zumindest fragen: kann er das?

Ranking der 15 Länder mit den weltweit höchsten Militärausgaben im Jahr 2021 (in Milliarden US-Dollar) [Quelle: de.statista.com]

Allein die europäischen NATO-Mitglieder wenden schon jetzt etwa viermal so viel Geld für das Militär auf als Russland, die USA zwölfmal so viel... Vgl. dazu auch den ausführlichen Fachartikel von Anatol Lieven zum militärischen Verhältnis NATO/RUS.

Wer in die NATO-Propaganda einstimmt, der russische "Despot" verfolge in der Ukraine nicht regional begrenzte Ziele, sondern sei dabei, die "Freiheit und Demokratie des Westens" anzugreifen und suggeriert, dass Putin dieses Ziel militärisch erreichen könnte - der ist uninformiert, durch Propaganda desinformiert oder verbreitet selbst Fake-News der gröbsten Art im Dienst der NATO.

Präsidenten können sich auf Uninformiertheit nicht berufen.

Ergänzung 26. 07. 2022

In unerwartet prompter Reaktion widerspricht mir ein Freund:

Warum sollte die NATO das militärische Potential Russlands und die Bösartigkeit ihres Präsidenten übertreiben, wie du meinst? Russland ist immerhin eine Atommacht auf Augenhöhe mit den USA. Die Furcht vor Putin finde ich berechtigt.

Ich vermute:

Die NATO will Russland mit diesem Krieg so lange zusetzen, bis Russlands Oligarchen die Führung austauschen ("Jelzinisierung" würde ich das nennen) / bis Russland zerfällt (es gibt ja Pläne im Westen zur sogenannten "Entkolonisierung" Russlands).

Bis Russland kapituliert (zu Zeiten Jelzins war der Westen diesem Ziel schon sehr nahe), kann es aber länger dauern. Vor allem geht dieser Prozess nicht ohne Opfer in den eigenen Bevölkerungen ab (Rückschlag der Sanktionen, Militärausgaben...).

Die Europäer und Amerikaner müssen daher durch ein weit aufgebauschtes Bedrohungsszenario bei der Stange gehalten werden.

Zum Atomkrieg - so hoffe ich zumindest - wollen die USA es nicht kommen lassen. Da gäbe es kaum einen Gewinner. Nein, nur ein kontrollierter Stellvertreter-Krieg, in dem Feind und "Freund" einander zermürben - divide et impera -, bis die USA es für zweckmäßig halten, als deus ex machina zu erscheinen.

Wenn die Europäer so deppert sind, sich mit anderen Europäern im Dienst des Kapitals zu zerfleischen - diesmal vor allem im Dienst des US-Kapitals -, ist ihnen nicht zu helfen.

Ob damit die Maximal-Strategie aufgeht, Russland zu ruinieren / zu zerschlagen / zu übernehmen oder ob die USA genötigt sein werden, einzulenken ist eine andere Frage.

Wie lange dieser Krieg dauert, ob er eskaliert oder in welchen Positionen der Kombattanten er eingefroren wird - das ist und bleibt eine Entscheidung der USA.



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