Wahrheit - Fake News - Verschwörungstheorien

21. 12. 2020

DiesenText habe ich jüngst als Impuls zu einer Diskussion in meinem Club vorgetragen

„Was ist Wahrheit?“ (JOH 18, 38)

Der Evangelist Johannes zitiert diese Frage des Pilatus, als Jesus im Verhör erklärt, er sei zur Welt gekommen, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen. Es ist eine rhetorische Frage. Pilatus erwartet keine Antwort. Er geht zu den Juden hinaus und sagt, er finde keinen Grund, diesen Mann zu verurteilen. Hält er den bärtigen Rabbi für einen harmlosen Irren? Um dem aufsässigen Hirtenvolk keinen Vorwand für Unruhen zu geben lässt er ihn nach einigem Hin und Her dennoch aus Staatsräson hinrichten.

Pilatus gibt mit seiner Reaktion auf das Selbstverständnis des Angeklagten zu erkennen, dass er keine unumstrittene Antwort auf die Frage nach der Wahrheit weiß. In seinem urbanen, griechisch-römischen Kulturkreis wird diese Frage schließlich seit Jahrhunderten diskutiert. Die philosophischen Positionen, die man dazu einnehmen kann, sind seither ausführlicher und präziser, aber nicht origineller geworden.

Korrespondenztheorie

Das naheliegendste Verständnis von Wahrheit ist die Übereinstimmung einer Aussage mit einem Sachverhalt.

... so dass wahr derjenige spricht, der Getrenntes für getrennt und Verbundenes für verbunden hält, falsch dagegen, wessen Meinung sich umgekehrt verhält als die Dinge sagt Aristoteles.

Damit kommt man gut zurecht, bis die Frage auftaucht: Was ist ein "Sachverhalt", eine "Tatsache", ein "Faktum"?

Erfahrungsgemäß nehmen Menschen Sachverhalte nicht losgelöst von ihren Interessen, Erwartungen und Absichten wahr. Ist das Glas auf dem Tisch halb voll oder halb leer? Schon in der Tat-Sache, im Faktum (facere) steckt das Subjekt.

Konsenstheorie

Gut. Aber wenn wir über abweichende Wahrnehmungen vernünftig diskutieren, werden wir wohl zu einem Konsens kommen. Wahr ist demnach, was von allen vernünftigen Gesprächspartnern als wahr angesehen wird.

Doch wer ist "vernünftig"? Sind alle, die sich für vernünftig halten, in allen Fragen einig? Beileibe nicht. Jeder von euch wird nicht nur einmal die Erfahrung gemacht haben: nach langer Diskussion über diesen oder jenen Sachverhalt steht man wieder am Anfang, beim Dissens. Das kommt:

Je komplexer ein Sachverhalt, umso größer der Spielraum der Interpretation. Aus vielen Fakten können recht unterschiedliche, sinnstiftende Zusammenhänge (= Narrative) hergestellt werden. Welche Interpretation / welches Narrativ ist "wahr"?

War der Krieg der NATO gegen Jugoslawien a) eine humanitäre Intervention oder b) ein völkerrechtswidriger Überfall aus geopolitischen Motiven?

Beide Narrative berufen sich auf Fakten und scheinen dennoch unversöhnlich. Welches Narrativ sich in welchem Land durchsetzt, was davon in den Schulbüchern steht, ist weniger eine Frage der Wahrheit als eine Frage der Macht.

Konstruktivismus

Machen wir uns nichts vor, sagen daher die Skeptiker. KEINE Aussage lässt sich mit der "Sache selbst" vergleichen. JEDE Aussage über die Realität ist das Konstrukt eines Subjekts.

Was aus der objektiven Welt durch den Wahrnehmungs- und Beurteilungsapparat eines menschlichen Subjekts als "Erkenntnis" / "Wissen" eindringt / eindringen kann, ist nach Zeit, Raum, Interesse, Emotion, Bildung etc oft unterschiedlich - also nie "objektiv", sondern ein Konstrukt des jeweiligen Subjekts.

Den Anspruch auf "objektive" Wahrheit halten Skeptiker daher für anmaßend. Oft ist so ein Anspruch auch bedrohlich. Die Wächter einer "Wahrheit" sind selten zimperlich: Skeptiker und Abweichler werden zensuriert, diffamiert, diskriminiert, liquidiert.

Über unsere Konstrukte zu diskutieren, statt auf den Besitz der Wahrheit zu pochen, zu versuchen, zu einer gemeinsamen Sicht zu kommen und jedes "Wissen" zu hinterfragen - das verstand Sokrates unter "Philosophieren". Die Erfahrung lehrt jedoch: oft ist dieses Unternehmen vergeblich. Die Interessen, nach denen ein Narrativ konstruiert wird, sind stärker als das Bedürfnis nach der möglichst unvoreingenommenen Erforschung von Wahrheit.

Anmerkung im Zuge der Diskussion: Die Wahrheit, die ein Gericht erforscht und in ein Urteil mündet, ist eine normative Wahrheit. Gäbe es nicht die Institution eines obersten Gerichts, das eine Streitsache definitv entscheidet - der Streit vieler Parteien würde nie enden.

"Wahrheit" gilt unter Konstruktivisten daher als irreführender Begriff. Im Seminar von Heinz von Foerster musste jeder Student, der das Wort "Wahrheit" in den Mund nahm, einen Dollar in die Kaffeekasse zahlen.

Fake News

Diese Zuschreibung findet sich in zwei unterschiedlichen Bedeutungen:

1. Eine gezielte Desinformation zu bestimmten Zwecken. Der Inhalt solcher Nachrichten ist erfunden oder bezieht sich auf fabrizierte Umstände.

Kurzfristig nicht überprüfbar erfüllt Desinformation meist dennoch den angepeilten Zweck, etwa zur Legitimierung von Gewaltanwendung / eines Kriegseintritts (Gleiwitz, Tonking-Zwischenfall, Brutkastenlüge, Hufeisenplan, Massenvernichtungswaffen...). Nur im Nachhinein stellt sich heraus, dass viele Menschen einer glatten Lüge aufgesessen sind.

Geradezu alltäglich im Gebrauch als wechselseitiger Vorwurf von Staaten, Parteien, Interessengruppen etc ist ein anderes Verständnis von Fake News:

2. Interessengeleitete, selektive, manipulative Berichterstattung.

Auch wenn dabei der Vorwurf der Lüge schnell erhoben wird ("Lügenpresse") handelt es sich meist nicht um dreiste Lügen, sondern um die Auswahl und Präsentation von Informationen durch Medien und Propagandisten im Dienst von Interessen.

Behauptungen bestimmter Personen / Organisationen werden stets als bedeutend behandelt und nicht hinterfragt. Andere Quellen hingegen werden verschwiegen oder ihre Seriosität wird konsequent bezweifelt. Missliebige Regierungen sind "Regime", missliebige Staatenlenker keine Präsidenten, sondern "Machthaber". Oft signalisiert der Präsentator / Moderator schon durch seine Fragestellung oder seine Körpersprache, was er von den jeweiligen Informanten / Informationen hält.

Die Berichterstattung und Kommentare der Leitmedien in der EU über Wahlen, Wahlbeteiligung und Ergebnisse zB liefern prächtiges Anschauungsmaterial über die unterschiedlichen Narrative, die zu den einzelnen Ländern dabei gepflegt werden (Krim, Belarus, USA, Venezuela, Rumänien...)

Georg Christoph Lichtenberg hat zu diesem Umgang mit Informationen vor über zwei Jahrhunderten notiert:

Halbe Wahrheiten sind die schlimmsten Lügen... Nicht die Lügen, sondern die sehr feinen falschen Bemerkungen sind es, die die Läuterung der Wahrheit aufhalten... Vom Wahrsagen lässt sich´s wohl leben in der Welt, aber nicht vom Wahrheitsagen.

Im Gegenteil: oft ist das "Wahrheitsagen" lebensgefährlich. Julian Assange zB hat Informationen über Kriegsverbrechen veröffentlicht, die nie an die Öffentlichkeit kommen sollten. Die USA bedrohen Assange seither mit der Todesstrafe oder jedenfalls mit 175 Jahren Haft. Und: kein Land in Reichweite der USA hat den Mumm, Assange Asyl zu gewähren.

Verschwörungstheorien

Mächtige, untereinander vernetzte Subjekte ("verschworen") lenken im Geheimen das Geschehen auf der Welt und sind für Krisen, Kriege, Krankheiten und Katstrophen verantwortlich (Juden, Hexen, Freimaurer, CIA, KGB, George Soros, Bill Gates, Reptiloide...)

Verschwörungstheorien knüpfen zuweilen an an das intransparente Wirken informeller Organisationen an ("Bilderberger") oder an reale, aber undurchsichtig bleibende Sachverhalte (Kennedy-Mord).

Unterschiedliche Wahrheiten

In jeder Familie, sozialen Schicht, Gesellschaft, Ethnie... erlernen wir spezifische Einstellungen und wachsen - zumächst unreflektiert - in bestimmte Narrative (= sinnstiftende Erzählungen, Gesinnungen, Weltanschauungen) hinein.

Wer durch Reflexion dieser Umstände skeptisch wird, muss laufend entscheiden, einer „Wahrheit“ eher zu glauben als einer anderen, um sich „richtig“ zu verhalten.

Das ist anstrengend und macht einsam. Wer das nicht aushält / nicht will

    vermeidet / verdrängt glaubenserschütternde Informationen („cognitive Dissonanz“), um Seelenruhe zu bewahren und hält sich dazu an seine Partei, seine Zeitung, seinen TV-Kanal...

    dockt an eine neue Gesinnungsgemeinschaft an, wählt etwa eine andere Konfession, eine andere Partei als im Elternhaus erlernt. Heilsuchende „bekehren“ sich, werden vom Saulus zum Paulus, vom Priesterseminaristen zum Berufsrevolutionär, zuweilen auch umgekehrt: einigen italienischen Kommunisten wird nachgesagt, am Sterbebett in den Schoß der Kirche zurückgekehrt zu sein.

    wird zynisch: nutzt das Netzwerk einer Gesinnungsgemeinschaft (Karriere), teilt deren „Werte“ aber nur zum Schein: betet mit, ohne zu glauben; fordert die Gesamtschule und wählt für den Sprössling das Privatgymnasium; wirbt als grüner Umweltminister von Baden-Württemberg für ein Tempolimit auf der Autobahn und wird bei 177 km/h geblitzt.

Diese Typen drängen sich vor und nach jedem Regimewechsel um den Futtertrog. Eine perfekte Metamorphose hat zum Beispiel Chodorkowski durchgemacht: In Sowjetzeiten führender Funktionär des kommunistischen Jugendverbands KOMSOMOL steigt er nach dem Bankrott der Sowjetunion im Sauseschritt zum reichsten Mann Russlands auf.

Thesen

"Gate keeper" (= Presseagenturen, die Nachrichtenbürokratie und Lohnschreiber der Staaten, der Parteien, der Konzerne... ) schöpfen aus dem ungeheuren Strom der Ereignisse dienliche Informationen, fügen diese in ihr Narrativ ein (= "framing") und verbreiten das Produkt.

Entlang der Interessen von Regierungen, Parteien, Religionen... entstehen so unterschiedliche bis gegensätzliche Bewusstseinszustände in verschiedenen Ländern, gesellschaftlichen Gruppierungen - auch ohne glatte Lügen.

Unser Wissen aus unmittelbarer Erfahrung ist weit geringer als das indirekte "Wissen" aus dem Informationsbiotop, in dem wir uns bewegen.

"Wahrheit", Fake News und Verschwörungstheorien sind dabei nicht immer schnell / leicht / trennscharf zu unterscheiden.

Das praktische Leben erlaubt kein ständiges Hinterfragen der Information. Es fordert Entscheidungen. Wir müssen dazu mehr glauben als wir wissen können - ob wir wollen oder nicht.

Fragen

Wie sollen politische Entscheidungsträger mit dem Durcheinander von "Wahrheit", Fake News und Verschwörungstheorien umgehen?

Liberal-argumentativ? Staatliche / offiziöse "Faktenchecker"? Zensur? Abschaltung unerwünschter Informationskanäle? Wahrheitsministerium?

Welche Methoden der persönlichen Vergewisserung bei umstrittenen Themen sind zielführend / praktikabel?

Umstrittene Themen gibt es jederzeit genug: Corona, Klima, Migration...



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